Der Tag an dem ich meinen Frieden fand

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Der Tag an dem ich meinen Frieden fand | story.one

28.12.1997

Mit dem Unfall, der mit der Diagnose Querschnittlähmung endet, komme ich gar nicht zurecht. »Du wirst nie wieder gehen können«. Mein Selbstwertgefühl sinkt tief in den Keller. Ich werde mit einer Tatsache konfrontiert, die nicht mehr in meinem Entscheidungsbereich liegt. Ich muss behindert sein, obwohl ich nicht will. Ich muss ein Leben leben, das ich nicht will. Aber ich will noch Fußball spielen, am Wochenende mit meinen Freunden ausgehen, Mädchen anquatschen…

Meinen inneren Konflikt, meine neue Realität, die jetzt den Anfang meines neuen Lebens bedeuten soll, kann ich in tiefster Seele nicht annehmen. Schnell werden die Gedanken ein tiefer innerlicher Schmerz, den ich bald nicht mehr aushalten kann.

Eines Abends drückt mir jemand eine selbstgedrehte »Zigarette« in die Hand. Nach einigen Zügen »beamt« es mich dermaßen weg, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin, geschweige denn, dass ich mich als behindert wahrnehme. Das ist das, was ich brauche! Immer mehr rauche ich von diesem Zeug, und ständig geht es mir »gut«, aber nach einiger Zeit wird mir wieder bewusst, dass ich behindert bin. Nun habe ich zwei Probleme: Ich bin andauernd benebelt, alles andere ist trotzdem noch beim Alten. Und ich kann mich nicht mehr ausstehen…

Bei einem Essen fragt mich der Gastgeber: »Wie geht es dir?« Wie aus der Pistole geschossen entgegne ich »Passt schon.« Er fragt mich nochmals, dieselbe Antwort. Er sieht mir tief in die Augen: »Nein, ich meine, wie geht’s dir wirklich?« Ich wende meinen Blick von ihm ab und antworte »Scheiße geht’s mir. Ich sitze im Rollstuhl, bin behindert und mein Vater wird auch bald sterben. Scheiße geht’s mir.«

Zum ersten Mal im Leben denke ich bewusst nach, wie es mir wirklich geht. Ich lasse den Schmerz zu, der in mir aufsteigt. Das erste Mal wehre ich mich nicht. Auf der Heimfahrt kommt mir aus heiterem Himmel der Gedanke: »Hör zu rauchen auf!«

Nach langem Hin und Her, mit der Teufels-Engels-Schlacht auf der Schulter, wie in einem Comic, treffe ich die richtige Entscheidung und bitte um Unterstützung: »Wenn es dich wirklich gibt, Gott, dann hilf mir dabei, dass ich mit dem ganzen Mist aufhöre!«

Das ist der Anfang eines Prozesses, der mir täglich immer mehr inneren Frieden schenkt, und ich lerne, jeden Tag so anzunehmen, wie er ist. Noch immer kommen mir jeden Tag Tränen hoch, aber ich lasse sie zu. Jeden Tag lasse ich das Gefühl zu, dass ich der bin, der ich bin. Ob ich das will oder nicht, ein Rollstuhlfahrer, ein Mensch mit Behinderung.

Aber es sind heilende Schmerzen, heilende Tränen, die mich immer mehr zu meinem wahren ICH führen. Ich kann der Realität endlich in die Augen schauen. Ich spüre immer mehr, wie ich eins mit mir selber werde und meine Seele ruhiger und klarer wird. Ich habe wieder Perspektiven, habe wieder Ideen und Ziele. Wieder Träume und Visionen. Ich fühle mich frei …

Das Alte ist vergangen, und etwas Neues ist entstanden. Ich habe meinen Frieden gefunden.

Und es fühlt sich gut an.

© Thomas Geierspichler 28.12.2019