Der Übeltäter

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Der Übeltäter | story.one

Auch im vorherigen Jahrtausend jagte ich dem runden Leder bereits hinterher und spielte schon im zarten Alter von fünf Jahren in einer echten Mannschaft. Nach und nach formte sich ein Team heraus, welches sich dann in der U8, zu behaupten wusste. Unsere Eltern kutschierten uns durch die halbe Steiermark und erlebten dabei so einiges. Die Wasserschlacht in Leibnitz oder der Hallenturniersieg in Fürstenfeld bleiben mir wohl ewig in Erinnerung. Einprägsam war auch das folgende Turnier. Es war der Tag des blauen Wunders.

An einem regnerischen, regelrecht kalten Herbsttag machte sich unser Team auf in Richtung Norden. Im beinahe alpinen Vorau stand ein U8-Turnier am Programm. Gegner waren hier vielseitig vorhanden. Zum einen das ekelhaft kühle Wetter, welchem wir aber mit unserem kindlichen Heldenmut trotzten. Zum anderen die etwas zu weiten Dressen, bei denen die Leibchen zum Teil die Knie bedeckten. Des Weiteren standen uns natürlich die gegnerischen Mannschaften gegenüber, gegen die wir recht gut abschnitten. Aber auch ein neuer Kontrahent tat sich auf, in Person des Unparteiischen.

Im Spiel gegen die Heimmannschaft kam es immer wieder zu kleineren Regelverstößen, da war nichts Schlimmes dabei. Und genau für diese Situationen gibt es ja einen Schiedsrichter, der das Spielgeschehen immer unter Kontrolle haben sollte. Der ältere Herr im Schiri-Trikot, ein Einheimischer und zugleich Vater eines bekannten Bundesligaspielers, leitete die Partie recht einseitig. Mit seiner reschen Art verschaffte er sich, aus welchem Grund auch immer, bei den 6- bzw. 7-jährigen enormen Respekt. Das war ihm anscheinend sehr wichtig.

Auf einmal war die Aufregung enorm. Das gesamte Spiel über benachteiligte er unsere Mannschaft, aber dieser angebliche Regelverstoß war die Höhe. Ein Kicker von uns, der eigentlich bravste und fairste im Team, soll seinen Gegner gefoult haben. Plötzlich stand der ältere Herr mit strenger Miene vor ihm und wuselte in seiner Brusttasche herum. Eine blaue Karte kam zum Vorschein. Hm, was soll das? Damals wusste kaum jemand von uns, dass es in dieser Altersklasse bereits Karten gab. Sie bedeutete eine Zeitstrafe und der Referee schickte ihn vom Platz. Tränen stiegen nicht nur ihm in die Augen, auch wir, seine Mitspieler, waren verwirrt und traurig zugleich. Trainer und Eltern waren erzürnt, aber die Entscheidung stand. Ein dunkles Kapitel in unserer bis dato kurzen Fußballerkarriere.

Eine Woche später spielten wir erneut ein Turnier, dieses Mal bei uns Zuhause. Noch vor dem ersten Spiel setzten wir uns auf einer Ecke des Spielfeldes zusammen und warteten auf unseren Trainer. Dieser kam mit dem heutigen Schiedsrichter im Gepäck zu uns. Der Schiri zeigte uns mit einem lustigen Schmäh, dass er natürlich keine Karten dabeihabe und wir uns lieber darüber freuen sollten, bei so herrlichem Wetter Fußball zu spielen. Und genau das taten wir!

© Thomas Schützenhöfer