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Die neuen Biedermeier

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Die neuen Biedermeier | story.one

Herrschaftlich thront das Paar, das sich in meinem Laptop spiegelt. Wir sitzen am Balkon, beide in Unterlagen vertieft und saugen die Wärme des Frühlings gierig auf. Am Balkon lässt es sich leben, wir treffen keine Menschen und sind für uns. Keineswegs Menschenhasser ist unsereins, viel eher sind wir um zweihundert Jahre in die Vergangenheit gereist. Im Geiste bei Grillparzer durchforste ich die Weiten der nicht ganz realen Welt, welche auf der Fläche vor mir gegen die Spiegelkräfte ankämpft.

Das Innenleben ist der Höhepunkt der extrovertierten Außerdarstellung, soziale Medien sind voll von Unfug aller Art. Spaziergänger, Wandersleut und dergleichen posten #stayathome in den virtuellen Wind, ihnen scheint das Verständnis des Englischen in der frischen Ära abhandengekommen zu sein. Aber das macht nichts, das Rückbesinnen auf die Muttersprache ist etwas, was in der fordernden Zeit nicht zu kurz kommen darf. Spannendste Mundart zerschneidet so manches Bild, die Intention des Daheimbleibens findet sich allerorts.

Facebook und Instagram verkommen zu Präsentationsplattformen, naja, das waren sie auch vorher schon. Aber jetzt überhäuft sich das Jungvolk mit ähnlichen Geschichten, wie ach so toll es zu Hause ist. Und ja, Biedermann und Biederfrau genießen es sichtlich, abgeschottet und lüstern auf neue Netflix-Serien zu warten. Es kritisiert sich leicht am Balkon. Was bleibt, ist der Gedanke daran, dass wir auch nicht anders sind. Aber trotzdem!

Neben uns zieren zwei Hochbeete die frühere Beton-Tristesse im zweiten Stock. Auch eine Werkbank hellt das Kima auf, welches durch den neuen Rasenteppich eine restaurierte Dynamik bekommen hat. Es war Zeit, Zeit für Arbeit in den eigenen vier Wänden, die aufgeschlossenen Millennials schlagen zurück. Vor allem das luftige Gartln entwickelt sich zum neuen Trendsport. Schade, dass es kein anerkannter E-Sport ist. Es wären sonst die Stimmen laut geworden, die sich das koordinierte Erdschupfen in der Sportschau wünschen.

Unsere Hausmusik ist ein sonntägliches Konzert von Timmy Trumpet. Daneben findet sich selbstständiges Musizieren, wie uns die Nachbarn wissen lassen. Klavierklänge schallen aus dem Fenster, eine geschichtliche Kontinuität sozusagen. Unsere neue Literatur hingegen sind aberwitzige Kettenbriefe. Diese lassen zwar an Orthografie vermissen, dafür sind sie gespickt mit Halbwahrheiten. Wie langsame Detailbeschreibungen damals finden die zeilenlangen Rechtschreibfehler heute reißenden Absatz.

Auch der Vormärz ist hier. Sperrt die Baumärkte auf, wir hätten Zeit. Kein hessischer Landbote, dafür deftige Sprüche. Migration, Tracking und der wirtschaftliche Exodus, die Spannbreite der Facebook-Suderanten ist enorm. Friede eigentlich eh keinem, Krieg allen anderen und sowieso den Palästen.

Am Ende sitz ich immer noch am Balkon. Ein Achterl, ein geschlossener Laptop und kein Wecker – so schlecht ist er gar nicht, der neue Biedermeier.

© Thomas Schützenhöfer 05.04.2020

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