Die Welt nach Corona

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Die Welt nach Corona | story.one

Ich befinde mich jetzt seit gut fünf Tagen in Isolation und es ist immer noch schwer in Worte zu fassen, was da gerade geschieht. Diese unbändige Kraft, mit der uns das Virus in Italien erfasst hat, hat mich schockiert und meine Realität und alles was ich über das Leben zu wissen glaubte infrage gestellt. Vor Jahren habe ich mich auf den Weg nach Wien gemacht, weil mir das kleine Südtiroler Bergdorf, wo ich eigentlich herkomme, zu klein geworden war. Heute sitze ich hier auf den Stufen meines Elternhauses und genieße die unheimliche Stille der verlassenen Straßen. Es mag pathetisch klingen, aber es fühlt sich nicht ausschließlich falsch an, was hier passiert. In den letzten Tagen habe ich mich fast ausschließlich in unserem Garten aufgehalten, da ich nicht weiß, wie lange wir uns in dieser Situation befinden werden und weil ich es so lange wie möglich vermeiden möchte, dem unausweichlichen Hüttenkoller in die Hände zu fallen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich in den letzten Tagen mit so vielen bis spät Nachts telefoniert habe. Ich möchte nicht auf den sozialen Austausch verzichten, weil ich glaube, dass das größte Kapital in diesen Zeiten das menschliche ist und weil man zusammen einfach besser alleine sein kann. Diese Nähe zeigt sich auch in der Solidaritätswelle der letzten Tage, in der sich ganz Italien miteinander verbrüdert hat. Es berührt mich zu tiefst, wenn ich sehe, wie Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, in ganz Italien die selben Lieder von ihren Balkonien singen und damit zeigen, dass wir alle in derselben winzigen Schaluppe sitzen und dass unser Gegenüber an dieser Situation genauso schnell zerbrechen kann, wie auch wir selbst. Seit dem diese kataklystische Wolke alles in unserem Alltag eingenommen hat, spreche ich mit vielen Leuten, die versuchen, die Situation umzudeuten, um dem Ganzen wenigstens ein Minimum an Sinn abzuringen. Ich schließe mich dabei offensichtlich nicht aus, auch wenn ich vermute, dass das große Ganze wahrscheinlich weitaus kleiner ist, als wir alle denken.Ich bin Unternehmer und dadurch auf das Wohl der Wirtschaft angewiesen. Natürlich ist es aber unrealistisch zu denken, dass der Status Quo unverzüglich in die Wirtschaft zurückkehrt, sobald diese Krise abgeflaut ist – das wird uns einige Aufbauarbeiten und Opfer kosten. Ich bin der Überzeugung, dass es niemanden hilft, sich unter einer Decke zu verstecken und die Katastrophe so hinzunehmen, wie sie sich gerade ausbreitet. Es liegt an ausschließlich an uns, was wir aus der Welt nach Corona machen. Auch aus diesem Grund habe in diesen Tagen mit der Gartenarbeit angefangen. Damit zur Abwechslung das Leben wieder einkehrt. Im verlassenen Hafen von Triest wurden unlängst übrigens wieder Delfine in der Bucht gesehen und auch die Luft über Italien scheint sich durch die Einstellung des Flugverkehrs bereits jetzt maßgeblich zu verbessern. Vielleicht ist das das unbekannte Gute an dieser verdammten Pandemie.

© Thomas Tribus