Er hört mich nicht

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie oft ich schon Adrians Namen gerufen habe. Er sich offensichtlich auch nicht. Keine Spur von intelligentem Leben im Haus. Unter seinem Bett, wo er sich sonst lautlos aufhalten kann, fand ich ihn nicht, nur einen Lurch, und damit meine ich keinen Axolotl. Also doch einen Teppich kaufen? Ich befürchte, ich werde wieder einmal den Hausstaub reduzierenden Vorschlägen meiner Frau nachgeben.

Ich gehe aus dem Haus.

Wo ist der? Nicht in der Garage, nicht im Garten, nicht in meinem Auto, das würde man hören. Nichts, er ist weg. Ich führe einige informelle Telefonate mit Freunden, die das Kind ab und an beherbergen. Nur so.

Negativ. Adrian wurde nicht gesehen.

In meinem Kopf spielen sich verschiedene Horrorszenarien ab:

- Ein Telefonat mit Entführungsfachleuten, die unsere finanziellen Möglichkeiten schlampig recherchiert haben.

- Ein Telefonat mit einem zerknirschten LKW-Chauffeur, der im gebrochenen Deutsch beteuert, dass er ihn nicht hat kommen sehen, und mit Adrians Handy "Papa" angerufen hat.

- Ein Telefonat mit Adrian, in dem er mir erklärt, dass er einfach mal schauen wollte, wie lange der Zug nach Znojmo fährt.

- Ein Telefonat mit meiner Frau, die sich nach seinem Befinden erkundet.

- Ein Telefonat mit der Polizei, ob sich die Entführer schon gemeldet haben.

Ich stehe verloren und negativ angespannt in der Wiese und blicke hoffnungsvoll in den Himmel. Nicht, dass ich beten würde, aber ein paar hoffnungsvolle Gedanken können zwischendurch nicht schaden.

Meine Augen arbeiten sich durch die Krone des Kirschbaumes und melden, dass sich die potenzielle Geisel auf "seinem" Ast befindet.

Erleichtert und mit relaxter Stimme frage ich, ob er denn meine Rufe nicht gehört habe?

"Schon", sagt er, "aber es hat mich nicht gefreut, zu antworten."

"Ach so", sage ich beiläufig, "das Essen ist nämlich fertig."

© Thomas Vitzthum