In Ewigkeit, Amen.

Der Tod ist ein Teil unseres Lebensbuches. Das letzte Kapitel. Eine langjährige Freundin unserer Familie ist vor kurzem gestorben. Wir haben lange überlegt, ob Adrian zum Begräbnis mitkommen soll, oder nicht und haben uns zu einem gemeinsamen Abschied durchgerungen. Er hat im Vorfeld gespürt, dass es wohl keine ausgelassene Party werden wird.

Die herbstliche Sonne verleiht dem an sich grauen Friedhof ein wenig Park-Atmosphäre, selbst wild umwucherte Gräber erscheinen aufgeräumt. Vor der Aufbahrungshalle hat sich die Trauergemeinde in kleineren Grüppchen formiert: die Familie, die ArbeitskollegInnen, die Nachbarn und allgemeine Freunde.

Wir begrüßen die uns Bekannten, bringen unser Beileid zum Ausdruck und trösten uns gegenseitig. Adrian versteckt sich hinter uns und schiebt mit seinen Schuhspitzen Kieselstein-Hügel zusammen. Zur Beruhigung darf er auf einem Kaugummi herum beißen.

Wir gehen Hand in Hand die wenigen Schritte zur Verstorbenen, ich ergreife das Aspergill und schleudere ungelenk Weihwasser in Richtung des Sarges, benetze aber hauptsächlich uns.

Ich besitze wenig Erfahrung mit Beerdigungen und anderen katholischen Zeremonien, daher setzen wir uns zur Sicherheit in die dritte Reihe, um für die engsten Angehörigen Platz zu lassen. Adrian vergräbt seinen Kopf im Schoß meiner Frau und kaut ergriffen vor sich hin.

Musik setzt ein, Tränen fließen und der Pfarrer beginnt mit der eigentlichen Trauerfeier. Allgemeines Schluchzen und Schnäuzen begleitet die Rede, weiße Taschentücher heben sich kontrastreich von der schwarzen Kleidung ab.

Erneut ertönt ein schwermütiges Lieblingslied der Verstorbenen, meine Gedanken und mein Blick schweifen ab und ich denke kurz über die Playlist für mein eigenes Begräbnis nach. Ich ringe mir für Adrian ein zerknirschtes Lächeln ab, während er einem kleinen Traktor bei der Gartenarbeit zusieht.

Nach dem Abschlussgebet wünschen wir den Angehörigen Stärke und Hoffnung für die kommenden, dunklen Stunden ihrer Trauer. Ein Großteil des Konduktes marschiert noch in das nahe gelegene Gasthaus.

Auf dem Weg dorthin entdeckt er auf einigen Grabsteinen seinen Vornamen. Er ist sichtlich erleichtert, dass es schon früher Adrians gegeben hat.

Ich bestelle ihm ohne zu fragen Schnitzel und Orangeade, er überbrückt derweilen die Wartezeit auf der Schaukel, lässt dort seine Beine und Seele gleichermassen baumeln.

Bei Kaffee und Kuchen wird aus der Kindheit der Toten erzählt, gemeinsam erinnern wir uns an ihr sonniges Gemüt und ihre stets positive Sicht der Dinge.

Adrian kaut indes vergnügt auf einem knallgelben Kaugummi herum, nippt an der Limonade und summt ein Lied der „Beastie Boys“.

Ich befinde mich erneut auf meiner eigenen Beerdigung, doch der schaudernde Gedanke an Brian Adams´ Stimme reisst mich jäh aus meinem Tagtraum. Hingegen freunde ich mich immer mehr mit der Vorstellung an, dass mir Adrian wohl eine grelle Kaugummiblase auf den Sarg kleben wird.

© Thomas Vitzthum