Männergespräch.

Das Entdecken des eigenen - und demnach auch des anderen - Geschlechtes hat längst begonnen. Mehr noch: das Thema Mädchen prägt unser Alltagsleben. Was wir schon seit längerem vermutet haben ist nun Gewissheit: Adrian hat eine Freundin. Seit dem letzten Schulfest ist es fix und in Stein gemeisselt.

Leider hat unsere Ferienplanung völlig versagt, mehr als ein gemeinsamer Freibadbesuch konnte nicht vereinbart werden. Seit Schulbeginn ist alles einfacher, sie sehen sich tagtäglich, schreiben heiße Liebesschwüre auf Schmierzettel und stecken sich ebendiese heimlich zu.

Es hat mich dann allerdings doch verwundert, dass Adrian beim alljährlichen Einkauf der Schulhefte statt unscheinbaren Süßigkeiten ein Tagebuch aufs Förderband geschmuggelt hat. Ein Buch mit diskretem, schwarzem Einband und rotem Haltegummi. Gerührt kaufe ich es, nicht minder erleichtert, dass er endlich den Sinn der erlernten Schrift erkannt hat.

Bei seinen Einträgen sitzt er abseits, versichert sich mehrmals, dass ihm keiner über die Schulter schaut.

Was mag er da wohl alles rein kritzeln? Unschuldige Liebesgedichte, Skizzen von grausigen Monsterkreationen, Ideen für seine zukünftigen Partys, oder lediglich Lego-Bestellnummern?

Eines Nachmittags entdecken es meine Frau und ich achtlos abgelegt auf dem Couchtisch. Adrian ist ausser Haus, die Verlockung, es zu öffnen, riesig. Die Neugier beschleunigt unsere Pulse, wärmt unsere Wangen. Wir treten vor die Ethik-Kommission, diskutieren die Pros und Contras:

• Wahrung der Intimsphäre vs. Vereitelung von Amokläufen.

• Selbstbestimmungsrecht vs. Fürsorgepflicht.

• Religionsfreiheit vs. Inquisition.

Noch bevor wir uns zu einem Handeln entschliessen können, steht Adrian im Wohnzimmer und ertappt uns beim Gedankenspiel.

„Habt ihr MEIN Tagebuch gelesen?“

Mit reinem Gewissen verneinen wir unisono und betonen, dass wir so etwas niemals tun würden.

„Könnt´ ihr aber ruhig, steht eh nix besonderes drin.“

Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen. Aufgeregte, elterliche Augenpaare skimmen über dutzende Herzen und Pfeile, sein und ihr Name flankieren die Symbole, dazwischen ein sachlicher Bericht über eine Beerdigung, die Flagge von Australien und eine Zeichnung von Sebastian Vettels Rennwagen. Wir schliessen und retournieren es.

Vor dem Schlafen gehen konfrontiert er mich etwas überraschend mit Fragen zum Thema Liebe und Fortpflanzung. Auch das S-Wort fällt.

Ich ordne meine Gedanken, zögere mit der Antwort, mir ist bewusst, dass das keine Christkind-Osterhasen-Situation ist, es geht um die Frage aller Fragen.

„Ohne Sex gibt es keine Kinder!“ höre ich mich sagen.

„Also ... hast du mit der Mama auch schon Sex gehabt?“

„Ja“.

Er wendet sich von mir ab und flüstert ein enttäuschtes „Schade“. Trotzdem scheint er mit der Antwort zufrieden zu sein. Ich wünsche ihm eine gute Nacht und süße Träume.

Das war es also, unser erstes, richtiges Männergespräch. War eigentlich ganz einfach.

© Thomas Vitzthum