Schi-hi-hi-hi-foan!

In gewissen Tälern Österreichs kommen die Kinder angeblich bereits mit Schi auf die Welt. Obgleich Adrian auch in einer gebirgigen Gegend geboren wurde, blieben meiner Frau zusätzliche Qualen durch saisonal verwendbare Sportgeräte erspart.

Nichtsdestotrotz stellten wir ihn schon sehr früh auf die Brettl’n, um ihm das elterliche Schifahrdesaster zu ersparen. Wir waren erstaunt, dass wir für seine kleinen Füßchen überhaupt passende Schuhe und Schi gefunden hatten, aber auch die Sport-Industrie kalkuliert damit, dass aus frühen Übern später Meister werden.

Aus eigener Erfahrung wußte ich, dass Eltern ihren Kindern das Schifahren nicht beibringen können, somit meldeten wir Adrian in einer Schischule an. Er sollte von der jahrelangen Erfahrung der Carving-Profis seinen Nutzen ziehen. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt wissentlich noch keinerlei Kontakt zu Schilehrern, doch Christian, der Leiter von Adrians Gruppe, entsprach völlig meiner Vorstellung seiner Zunft: langes, gewelltes Haar, brauner Teint, strahlendes Lächeln und die von einem an Achromatopsie leidenden Designer entworfenen rot-blaue Dienstkleidung.

Er steht inmitten seiner Schüler im Schnee, stellt die Gestürzten wieder auf, begleitet die notdürftigen auf´s Klo, stellt einen anderen Gestürzten auf, legt seine Hände demonstrativ auf die Knie, kümmert sich um einen Weinenden und erklärt den Kursteilnehmern, dass sie den Schnee nicht essen sollen.

Wir geben Adrian in seine Obhut und lassen uns vom Sessellift zur Bergstation transportieren.

Zu unserem Amusement können wir die „Pistenflöhe“ von oben beobachten und hören auch ihr Kampfgekreische, dass sie wohl motivieren soll.

Wir steigen aus, schwingen elegant zu Tale, Sessellift, Talfahrt, Sessellift.

Je öfter wir über den Neulingen schweben, desto deutlicher erkennen wir, dass das strahlende Lächeln Christians durch eine finstere Miene ersetzt wurde. Auch sein optimistischer, brauner Teint hat mittlerweile die Farbe seines geöffneten Anoraks angenommen.

Ein wenig abseits der Gruppe liegt ein Kind auf der Piste und isst Schnee. Wir grinsen uns an und wissen, dass es sich bei dem Kind um Adrian handelt. Christian spricht offenbar mit ihm, doch er wird ignoriert. Wir haben noch eine Abfahrt vor uns, dann ist der Kurs für heute vorbei.

Zu Mittag sitzen dann die ausgepowerten Kids mit ihren Eltern im Gasthaus und verschlingen allerlei Klassiker aus der Fritteuse.

Adrian vertilgt indes einen handballgroßen Germknödel, der fröhlich in einem See aus Vanillesoße planscht.

Am Ende der Woche fand dann auch ein informelles Rennen ohne Zeitnehmung statt. Adrian schlich durch die Tore, erhielt Urkunde und Medaille und war stolz auf sich.

Drei Jahre ist Adrians erster Schikurs jetzt her. Vor kurzem habe ich ihn gefragt, ob er sich noch an seinen Schilehrer Christian erinnern könne. Nach kurzer Überlegung antwortete er mir lapidar: „Ja, Papa, ich glaube, den hasse ich immer noch!“

© Thomas Vitzthum