Sretan put, Adrian!

Herzzerreißende Abschiedsszenen wie in „E.T.“, „Casablanca“ oder gar „Titanic“ habe ich mir ohnehin nicht erwartet, aber das knappe „Mhm, ist gut.“, welches mir Adrian im Augenblick seiner Abreise nach Kroatien auf meine letzten, tränenerstickten Worte entgegnet, erscheint mir dann doch ein wenig wenig.

Seine Großeltern nehmen ihn und seinen Cousin mit auf Urlaub. Um den Kindern zu zeigen, wie groß die Welt tatsächlich ist, haben sie sich für das untere Ende von Kroatien entschieden. Meine Frau hat schon öfters erzählt, das ihr Vater lange Autoreisen selten gescheut hat, regelmässige Trips nach Griechenland standen damals auf der Sommerordnung.

Nachdem 48 Stunden vor der eigentlichen Abreise erst mit der Suche nach einer Unterkunft begonnen wurde, war die Auswahl schon einigermaßen eingeschränkt. In dem Wort Hochsaison steckt doch einiges an Information.

Der Motor startet, sie fahren los. Celine Dion singt sich gerade warm und ich überlege kurz, ob ich winkend dem abfahrenden Auto hinterher laufen soll, aber das erscheint mir dann letztlich eine Spur zu viel des Pathos.

Es ist ja nur für eine Woche. Eine ganze Woche. Sieben Tage ohne Kind. Was nun?

Ich fahre nach Hause ins Nichts. Große Pläne habe ich geschmiedet, was ich nicht alles machen werde: eine Radtour nach Tibet, einen Gastgarten-Hopping-Marathon, die Häuser der Siedlung neu streichen oder einfach mal die Seele baumeln lassen und zum Mars fliegen. Aber jetzt? Leere. Stille. Antriebslosigkeit.

Ich erinnere mich an seine Eingewöhnungszeit im Kindergarten, die damals etwa siebzehn Minuten betrug, und er mich mit dem Satz „Du Papa, ich brauch‘ dich eigentlich nicht mehr.“ hinauskomplimentiert hatte. Am Nachmittag hat er sich natürlich gefreut, mich zu sehen. Aber das hier ist eine andere Liga, das ist ein anderer Sport.

Ich verfolge die Verkehrsnachrichten und höre von Unfällen auf der Südautobahn, Megastaus vor Grenzübergängen und Behinderungen im Baustellenabschnitt von Karlovac bis Split. Jede Minute erwarte ich einen Anruf oder SMS meiner Schwiegermutter, die mir bestätigt, dass alles in Ordnung sei, die Sonne schiene und es den Kindern gut ginge. Nichts. Kein Aufleuchten, kein Vibrieren, kein Briefsymbol.

Die Stunden vergehen, die Nacht bricht herein, ich liege wach im Bett. Ich wecke meine Frau und frage sie, ob sie schlafen könne. Sie nickt und nickt ein. Ich kann meine Gedanken nicht zügeln, sie galoppieren davon, doch knapp vor dem Ziel beginnen sie zu lahmen und werden - gnadenhalber - erschossen.

Am nächsten Morgen weckt mich ein brummendes Geräusch und meine schweren Augen sehen den folgenden Text am Display des Telefons: „Alles in Ordnung, die Sonne scheint, den Kindern geht´s gut. Bussi, Oma.“

Ich wecke meine Frau und lese ihr mit aufgeregter Stimme die eingegangene Botschaft vor. Sie entgegnet nur knapp „Mhm, ist gut.“ und döst weiter.

Nach dem Frühstück packe ich meinen Raumanzug, schwinge mich aufs Rad und eile zur Abschussrampe.

© Thomas Vitzthum