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Das Leben eines Schülers in der Oberstufe eines Gymnasiums ist umrahmt von Fächern, die einen Jugendlichen nicht interessieren. Jeder hat seine Stärken, aber manche Themen tangieren einen nur peripher. Die Spanisch-Stunden stellten in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar. Auf der einen Seite war der Sprachunterricht nicht unbedingt das, was man sich unter einer schulischen Sternstunde vorstellt. Auf der anderen Seite waren die Einheiten genau das; Highlights der oft monotonen Woche.

In der sechsten Klasse befand sich unsere Klasse immer dienstags in einem Klassenraum im Keller. Kaum Licht von den Fenstern, der Geruch der vorherigen vier Stunden hing dunstig in der Luft und das Mobiliar war grenzwertig. Tische und Stühle waren intakt, aber ansonsten glänzte das knapp bemessene Klassenzimmer mit steter Unaufgeräumtheit.

Wie jeder Stunde kam unser Professor, der liebevoll auch Senior Scherf genannt wurde, gut aufgelegt in die Klasse und begrüßte uns mit einem breiten „Hola“. Die folgende Frage danach, ob es eine Hausübung gegeben habe, beantwortete die Klasse einstimmig mit einem „No, Senior Scherf.“ Sidefact: es gab eigentlich immer ein Hausübung, jedoch notierte sich unser Lehrer diese nicht, somit gab es keine.

Falls es doch einmal so weit war und die kleinen Hausübungen gemeinsam durchgesehen wurden, überkam ein Raunen die Klasse. Kopfschütteln stand an der Tagesordnung. Auch direkte Fragen an einzelne Schüler waren dabei am Programm. Die knackige, aber verbfreie Antwort „No, no deberes“, wurde zu einem geflügelten Wort im muffigen Klassenraum. Einige erledigten sie aber immer gewissenhaft und so konnte fortgefahren werden.

Danach wurde meist gemeinsam gelesen. In perfektem Spanisch brillierte ich in dieser Disziplin, lag mir doch die Aussprache irgendwie im Blut. Bei der Frage nach der Bedeutung des Gelesenen ertönte aber schon Gekicher von den umliegenden billigen Plätzen. Sie alle wussten, dass ich keinen Tau davon habe, was ich soeben zum Besten gegeben habe. Leichtes Unverständnis beim Lehrer, der nur resignierend den Kopf schüttelte. Dafür schelmisches Grinsen von meinen Klassenfreunden.

Kurz vor Ende der Stunde wurde es ein wenig unruhig. Da die Pause auf die sechste Stunde verdammt kurz war, musste nach Möglichkeiten gesucht werden, möglichst schnell an die frische Luft zu kommen. Einige wenige Mitglieder der Sportklasse waren tatsächlich dem blauen Dunst verfallen und frönten diesem pausendlich. Der schnellste Weg ins Freie war der Aufstieg durch das Kellerfenster. Verhandlungen mit Senior Scherf ergaben hinsichtlich dieses Unterfangens jedoch nichts und so blieb die Drei-Minuten-Pause ungeraucht.

Die Spanisch-Stunden waren die gesamte Oberstufe ein kleiner Ausflug ins entspannte Andalusien, welcher uns drei Mal die Woche ereilte. Auch nach der Schulzeit ist es nach wie vor sehr schön, mit unserem Klassen-Senior über die amüsanten Stunden in der Kellerklasse zu plaudern.

© ThomasJ