Sommergewitter

Der erste gemeinsame Sommerurlaub führte uns unter anderem in das schöne Zillertal in Tirol. Die lange Anreise stellte keine Hürde dar, denn der Weg dorthin ist mancherorts von einer malerischer Naturkulisse umrahmt, die das Autofahren zu einem Vergnügen machte.

Auch im kleinen Ort Schlitters, der von einer gewaltigen Bergfront umgeben ist, ist die Schönheit Österreichs unverkennbar. Ein kleiner See, der als Badebetrieb genutzt wird, war von unserem Hotel aus sichtbar.

Am dritten Tag nach unserer Ankunft stand ein Ausflug an. Unweit unserer Unterkunft lag der Achensee, der zwar eisig kaltes Wasser sein Eigen nennt, dafür aber glasklar auftrat. Der Himmel erschien in einem strahlenden Blau, die Sonne war warm, brannte aber nicht und untertags war es nahezu windstill.

Beim Abendessen hörte man schon von überaus freundlichen Wirtsleuten in einem breiten Tiroler Dialekt, dass heute wohl noch ein „Wetter“ ansteht.

Aufgrund der vielen Aktivitäten unter dem Tag war der Abend zur Erholung vorgesehen, eine Flasche Wein vom Billa und nach dem Abendessen auf den Balkon.

Wie aus dem Nichts wurde die Nacht dann immer schwärzer. Die Sterne, die anfangs noch der Beleuchtung auf dem Balkon dienten, verschwanden im nicht enden wollenden Gegröle des Himmels. Aus der Ferne konnte man sehen, wie sich immer dunklere und bedrohlichere Wolkenfronten über die Berge schoben, um schließlich im Tal zu verweilen. Eine regelrechte Lawine stürzte herein, immer zu begleitet von einem ohrenbetäubenden Gerumpel. Blitz- und Donnerschlag gaben sich die Hand, Wind zog immer stärker auf und es begann zu regnen. Dicke, schwere Tropfen senkten sich zu Boden und verwandelten in kurzer Zeit den engen Weg zum See in ein Rinnsal. In Verbindung mit dem Wind musste man sich auf dem Balkon ganz zurückziehen, denn die Tropfen drangen immer weiter vor, selbst in den gut geschützten Bereich. Rumms. Blitzeinschlag, irgendwo in der Ferne. Ein Baum war geknickt, der Regen nahm zu und die Lautstärke des Naturspektakels erreichte eine nie vermutete Intensität.

Der Morgen danach. Der Himmel strahlte, blau so weit das Auge reicht, keine Wolke in Sicht. Die umgestürzten Äste und Bäume wurden von der Freiwilligen Feuerwehr beiseitegeschafft. Am Frühstückstisch verloren die Wirtsleute und die anderen Gäste kein Wort über letzte Nacht. Die kennen das wohl schon. Wir kannten das aber so nicht. Die Schönheit der Natur, die in einer Sekunde auf die nächste zu einer Gefahr werden kann. Natürlich sind Gewitter allgegenwärtig, aber die enorme Kraft des Wetters wurde uns wohl erst bewusst, nachdem sich die Schlechtwetterfront über die Berge schlich. Es ist ein kleines Erlebnis, eine winzige Beobachtung, die von ganz vielen anderen Personen zur selben Zeit auch gemacht wird. Aber die Auffassung, das gemeinsame Unwohlsein, Hand in Hand gebannt am Balkon, das macht das Naturspektakel doch irgendwie einzigartig.

© ThomasJ