Introducing Yugo-Dad

Unser Papa war vielleicht eine Nummer. Einmaliger Humor, Choleriker und Phlegmatiker zugleich. So oft war er auch unfreiwillig witzig und verstand dann nie, warum wir Kinder in schallendes Gelächter ausbrachen. Seine Geschichte ist die eines Helden. Ich übertreibe nicht.

1954 in einer balkanesischen Provinz geboren, hatte er als uneheliches Kind von Beginn an kein leichtes Los. In den 50ern, im jugoslawischen Dorf- man kann sich ausmalen, dass diese Kindheit kein Zuckerschlecken war. Er wuchs zudem in überaus bescheidenen Verhältnissen auf, häufig nur auf sich allein gestellt.

Als ich ihn einmal fragte, warum er zum Militär gegangen sei, sagte er, dass dies für einen mittellosen Jungen wie ihn die einzige Option gewesen sei. "Krimineller oder Offizier werden. Aber hauptsächlich bin ich so dem Hunger entflohen" war seine wehmütige Antwort. Nur um gleich darauf zu sagen: "Außerdem hatte ich die Nase voll davon, ein kleiner Ziegenhirt zu sein." Das war typisch Papa-er musste auch der rührenden Wahrheit einen Hauch Komik verleihen. Bemitleidet werden wollte er nicht.

Der Armut ans Belgrader Militärgymnasium entflohen, hatte auch er endlich eine Perspektive . Man kann von Titos Jugoslawien halten was man will, aber sogar die ganz armen Jungs vom Land erhielten die Chance auf eine Zukunft. Doch die euphorischen Titoisten wichen den verhängnisvollen 90er-Jahren.

"Tato" wie wir Papa liebevoll nannten, verstand die Welt nicht mehr; als er den Einrückungsbefehl erhielt. All das, woran er geglaubt hatte, sollte nur eine Illusion gewesen sein. "Brüderlichkeit und Einigkeit"- nur eine Parole. Die eigenen Landsleute bekämpfen. Er wusste nicht wofür.

Eine Zeit lang gab er gesundheitliche Beschwerden vor, um nicht in den Krieg zu ziehen. Aber ihm entging nicht, wie argwöhnisch man ihn beäugte. Bald machte auch niemand mehr einen Hehl aus seinem "Verrätertum" und es kam zu ersten Drohungen. Er musste fliehen. Schon wieder.

Seine Schwester lebte seit den 70ern in Österreich und so kam es, dass Tato seine Heimat nach 39 Jahren klammheimlich verließ. 20 km vor dem Grenzübergang stieg er in den Kofferraum meiner Tante und riskierte somit alles. Für seine Familie und sein reines Gewissen.

Das Herz muss ihm in diesen schicksalsbestimmenden Minuten bis zum Hals geklopft haben. Auf Fahnenflucht eines Majors stand zumindest Gefängnis und hinblicklich der damaligen, politisch chaotischen Zustände vermutlich auch Schlimmeres.

Aber ich würde jetzt nicht hier sitzen und eine Hommage an ihn schreiben, wenn er es nicht geschafft hätte. Ein Jahr darauf konnten ihm und meinen Schwestern auch Mama und ich folgen- auf legalem Weg. Zweifelsfrei Familienzusammenführung aufgrund politischer Verfolgung, wie der Staat Österreich entschied. Am 22. Mai 1994 waren wir alle wieder zusammen.

Er gab alles auf und sollte in den darauffolgenden Jahren noch so viel mehr aufgeben. Ich sagte doch, es ist die Geschichte eines Helden. Danke, Tato.

© Tinuška