Jungspund Yugo-Dad

Wie kann man sich diesen Yugo-Dad eigentlich vorstellen? Optisch ähnelte er einem jungen Franco Nero. Kein so markantes Kinn, sehr wohl aber die strahlend blauen Augen. Sie leuchteten regelrecht.

Diese Augen konnten aber auch eiskalt sein. Sein Blick war bohrend. Eine furchteinflößende, mächtige Aura umgab ihn dann. Ich traute mich nie zu lügen, wenn er mich zum Rapport holte. Anderen Erwachsenen flunkerte ich dagegen rotzfrech ins Gesicht und war auch noch überzeugend.

Der junge Tato wusste um sein gutes Aussehen und seine Wirkung auf Frauen, vor allem in Uniform. Und das zu einer Zeit als Richard Gere mit "Ein Offizier und Gentleman" die Frauenherzen eroberte.

Nur rauchte Tato wesentlich mehr als Zack Mayo. Er benutzte einen Zigarettenhalter in den er kleine Plastikfilter einlegte. "Gesund rauchen" nannte er das. Ich nenne es "stilvoll rauchen".

Die Tschickerei begann er früh, mit elf Jahren. Mit einem Freund habe er sich in die Besinnungslosigkeit geraucht, sie wollten unbedingt abhängig werden. Damals rauchte jeder, der was auf sich hielt. Dass er davon ohnmächtig wurde glaub ich gern, wenn ich an das ungefilterte Giftkraut einer Selbstgedrehten denke. Wahrscheinlich deswegen die Filter ein Leben lang. Ich kenne bis heute keinen Jugo, der sich mit einem Zigarettenhalter blicken lassen könnte. Würd' auch keinem stehen außer Tato.

Uns Kids brachte Tato Kampftechniken und das Schachspiel bei. Wir schauten gemeinsam Italowestern und er mochte Bruce Lee. Allerdings hieß der bei ihm Bruce "Alija"- er machte doch tatsächlich einen Asiaten zum Jugo. In seiner Geburtsstadt Mostar steht sogar eine lebensgroße Bruce Lee-Statue. Passt dann doch ganz gut, dieser Bruce Alija.

Meine Erinnerung an die Belgrader Kindheit reicht weit zurück. Ich weiß noch, wie mir Tato nach seinen Dienstreisen immer diese kleinen Erdbeer-Milkshakes mitbrachte, auf die war ich ganz wild.

Im Sommer kaufte er von "den fahrenden Zigeunern" riesige Wassermelonen für die ganze Familie. Heute kann ich keine essen ohne an ihn zu denken. Und genau wie mit "Bruce Alija" ließ er häufig seiner Kreativität freien Lauf, wenn er eine Geschichte für zu langweilig befand.

"Tato, bringt die Babies wirklich der Storch?"

- "Nein, nur deine älteste Schwester!"

"Hä?"

-"Deine andere Schwester hab ich in einem Feld voller Kohlköpfe gefunden."

"Mich auch?"

-"Nein. Dich hab ich auf ein Blatt Papier gemalt und deiner Mama zu essen gegeben. Darum bist du auch so gut gelungen."

Das alles erzählte er mir mit einer schier unglaublichen Spontanität, ohne lang nachzudenken.

Ich war zufrieden. Diese Geschichte gefiel mir auch viel besser als die öde Storch-Sage, die nun wirklich jedes Kind kannte und zum Besten gab. Nur ich konnte immer mit meiner einzigartigen Entstehungs-Story auftrumpfen. Ich schrieb sie sogar in einen meiner Volksschulaufsätze und wurde von der Lehrerin für meine blühende Fantasie gelobt.

Ich frage mich, was er meinem kleinen Bruder erzählt hat.

© Tinuška