Yugo-Dad, ärgere Dich nicht!

Tato war ein ambivalenter Typ. Manchmal flippte er ohne jede Vorwarnung aus, zumeist wegen Kleinigkeiten. Nur Augenblicke später würde er mit stoischer Ruhe seine Kreuzworträtsel lösen, genüsslich rauchen, den Zigarettenhalter im Mundwinkel.

Gesellschaftsspiele waren so eine Kleinigkeit. Wenn es ums Gewinnen oder Verlieren ging, war auf Hitzkopf Tato Verlass. Da konnten schon drei hintereinader verlorene Partien "Mensch ärgere Dich nicht" reichen und er benahm sich auch mit 60 wie ein Fünfjähriger. "Mit Dir spiel' ich nimmer!"

Mein Bruder bekam einmal einen Anruf von Tato:

"Kleiner, dieses Gschropp lügt und betrügt und treibt mich in den Wahnsinn! Stimmt es, dass man beim UNO ...."

In derartigen Situationen war es völlig normal, dass er nicht grüßte, sondern gleich zur Sache kam. Der wütende Tato verlangte, dass man ihm detailiert die Kartenspielregeln erklärte.

Im Hintergrund war das Gekicher und Plappern meiner kleinen Nichte zu hören, die von Tato immer wieder mit einem "Ruhe da!" zum Schweigen ermahnt wurde. Zum wiederholten Mal gegen eine Fünfjährige verlieren, eine Schmach!

Er hatte keinerlei Verständnis dafür, dass mein Bruder in der Arbeit, keine Zeit für derartige Telefonate hatte. Dieser kämpfte damit sein eigenes Lachen zu unterdrücken. Tato schnaubte ihm daraufhin irgendeine gängige Jugobeschimpfung entgegen, legte auf und war angefressen.

Dass Jugoeltern ihre Kinder (oder besser gesagt deren Mütter) dauernd beschimpfen, ist übrigens fixer Bestandteil unserer Konversationskultur. Das ist mehr Floskel als Beleidigung.

Auch brutale Ehrlichkeit assoziiere ich mit Tato . Wenn er etwas nicht gut fand oder jemanden nicht mochte, dann sagte er das, schonungslos. Weniger gut war, dass er sich dazu berufen fühlte, jedem seine Meinung zu geigen, ob man sie nun hören wolle oder nicht. Es war ihm dabei allerdings auch egal, ob er sich unbeliebt machte. Diplomatie erachtete er als Zeitverschwendung. Wenn man es ehrlich und direkt haben wollte, dann fragte man Tato.

Eine Zeit lang machte ich jedem in meiner Familie eine Torte zum Geburtstag. Meine Schwester bat mich um einen Butterkeks-Kuchen zu ihrem. Optisch war der Kuchen nicht der Hammer, aber er war geschmacklich ganz gut. Tato nahm skeptisch einen Bissen und sagte trocken: "Was zum Teufel soll denn das sein? Das sind doch nur irgendwie zusammengeklebte Kekse?!"

So manches Kind wäre an dieser Stelle wohl gekränkt, aber nicht ich, nicht wir. Durch Tatos erbarmungslose Ehrlichkeit, haben auch wir Kinder gelernt "uns nix zu schenken". Zugegeben, ich habe etwas Zeit gebraucht, um zu lernen wie man "gesellschaftsfähig ehrlich" ist. Dennoch bin ich stolz darauf zu wissen, dass mir meine Familie ausnahmslos immer die Wahrheit servieren wird. Ob mir dieser Kuchen nun schmeckt oder nicht.... beim Kartenspiel können wir uns immer noch beschimpfen.

An meine letzten Partien UNO mit Tato erinnere ich mich noch gut. Ich ließ ihn jedes Mal gewinnen.

© Tinuška