Yugo-Dad in Österreich

Das war es also, Österreich, der sichere Hafen. Tato wusste damals nicht wirklich, was ihn hier erwarten würde, aber er wusste, dass er das Richtige getan hatte. An seinen Händen klebte kein Blut. Keine Mutter, die wegen ihm den Verlust eines Sohnes beklagte. Kein Militärgericht, vor dem er sich verantworten musste. Für unsere sichere Zukunft war gesorgt.

Was aber hatte er für seine getan? Ein fast 40-Jähriger Deserteur aus einem kommunistischen Land. Eine Wiedereingliederung ins österreichische Heer? Vollkommen ausgeschlossen. Wenig hilfreich war auch, dass man in Jugoslawien hauptsächlich Russisch gelehrt hatte, nicht Englisch oder gar Deutsch. Nix gut.

Also arbeitete er mit den anderen Jugos in der lokalen "Hendl-Fabrik". Und später als LKW-Fahrer. Die Bezahlung war zwar gut, aber es war ein Knochenjob. Er war nur an den Wochenenden zu Hause.

Es gibt tausende dieser Lebensgeschichten von Immigranten, die nie wieder die Anerkennung erfahren, die sie einst genossen. Im Gegenteil, man muss zuerst mit dieser Geringschätzung, die einem als Migrant häufig zuteil wird, umgehen lernen. Auch unser Tato gab nie wieder jemanden einen Befehl. Naja, außer uns vielleicht.

Meinen Vater hat das gebrochen. Vermutlich war er zeitlebens deswegen immer so leicht reizbar und mürrisch. Und ständig müde. Müde von der körperlichen Arbeit, weil er fünf mal die Woche um vier Uhr morgens aufstand und erst abends um sechs heim kam. "Vom Bett in die Arbeit, von der Arbeit ins Bett." sagte er oft. Auch meine Mutter schuftete wie ein Tier.

Wir wohnten im Ausländerviertel. Die erkennt man oft an den vielen Satelittenschüsseln, die fast jedes Fenster zieren. Kein Schmäh, das ist typisch Ghetto. Ich weiß es, ich habe in einem gelebt.

War es das falsche Umfeld? Fehlende Motivation? Ich sage, es war die Tatsache, dass Tato ständig arbeitete, um uns durchzubringen. Einen sicheren Job gab man nicht einfach so auf.

Und so blieb er in seinem Laster, täglich mehr als zwölf Stunden, allein, rauchte einen Tschick nach dem anderen und lernte nie richtig Deutsch.

Uns Kinder belustigte Tatos gebrochenes Deutsch. Dass er nicht "Dreißig", sondern immer "Dreizig" sagte. Ich verstand damals nicht, wieso er das einfach nicht kapierte. Wir suchten ständig nach den exotischsten Begriffen, von denen wir wussten, dass er sie auf Deutsch nie gebrauchte.

"Papa, stell dir vor, du suchst ein Töpfchen für ein Baby! Wie erklärst du das der Verkäuferin?" fragten wir .

Er dachte kurz darüber nach und sagte schließlich: "Baby-Scheiß-Geschirr! Arschsessel! Oder Topf-Scheißen!"

Ok, bei Letzterem war zumindest der Topf dabei. Wir prusteten los und hielten uns den Bauch vor Lachen.

Natürlich wusste er, dass man sich nicht so vulgär ausdrückt. Und auch, wie man "Dreißig" korrekt ausspricht. Aber er wusste auch, um den Wert eines Kinderlachens und dass er all die Stunden im LKW, die Stunden in denen er müde war...so wieder ein bisschen gut machen konnte.

© Tinuška