Die Power-Oma

Es ist 08:00 Uhr. Zeit für Visite auf der internen Abteilung. Ein langer Tross von Oberärzten (OA), Assistenzärzten und einem Turnusarzt (Ich) macht sich in Begleitung der Pflege auf den Weg Richtung Patientenzimmer.

Im ersten Zimmer sitzt Frau A. und freut sich, dass Sie heute Nacht zum ersten Mal seit 2 Wochen wieder 6 Stunden am Stück geschlafen hat und nicht durch den lästigen Husten, der Sie seit Ihrer Lungenentzündung plagt, aufgewacht ist. Die Antibiotika haben geholfen und man einigt sich darauf, dass eine Entlassung in den nächsten Tagen durchaus vertretbar ist.

Bevor wir in das nächste Zimmer gehen, beginnt eine Frage-Antwort Runde zwischen OA und mir.

OA:„Welchen Casus haben wir im Zimmer 2 liegen?"

Ich: „Frau M. ist vor 8 Tagen in der Ambulanz mit Herzbeschwerden vorstellig geworden. Die Patientin klagt über wiederkehrendes Herzrasen, was Sie in Ihren 93 Lebensjahren so noch nie hatte, da Sie außer etwas Bluthochdruck unter keinerlei Erkrankungen leide und sonst auch recht rüstig sei“

OA: „Für welche Therapie haben Sie sich entschieden?“

Ich: „Das EKG hat keine Auffälligkeiten gezeigt, nur dass der Puls mit 100 Schlägen pro Minute zu hoch ist. Im Langzeit EKG hat sich dann ein Durchschnittswert von 110 Schlägen gezeigt, was eindeutig zu hoch ist und auf längere Sicht Komplikationen machen kann, sodass ein Medikament zur Regulierung der Herzfrequenz gegeben wurde“

OA: „Wie sieht der Erfolg der Therapie aus?“

Ich: „Bei dieser Frage wird es interessant! Die Patientin hat zuerst gut angesprochen, aber in den regelmäßigen Pulskontrollen hat sich gezeigt, dass die Patienten im Verlauf des Tages am Morgen am Nachmittag und am späten Abend für ca. 1 Stunde immer wieder sehr hohe Pulse hat, die sich nicht erklären lassen!"

Die skeptischen Blicke der Visitenmannschaft sind auf mich gerichtet, aber sie wollen sich zuerst selbst ein Bild von der Patientin machen und der OA betritt das Patientenzimmer.

Die Patientin hat gerade gefrühstückt und sitzt lächelnd an der Bettkante. In der rechten Hand hält Sie einen Strohhalm der in einer Dose Red Bull steckt und ein schlürfendes Geräusch macht deutlich, dass die Patientin gerade den letzten Tropfen genossen hat.

Auf die verdutzten Blicke des Oberarztes sagt die Patientin, dass sie vor 3 Wochen dieses leckere Getränk entdeckt habe und es ihr mehr Kraft für den Tag geben würde, sodass Sie sich entschieden habe am Morgen am Mittag und am Abend eine Dose zu trinken, dann sei sie nämlich auch nicht mehr so müde.

Die ganze Visitenmannschaft kann sich dann das Lachen doch nicht verkneifen und nach Absetzten der herzfrequenzregulierenden Medikamente und des Red Bulls, kann die Patientin mit ihren 93 Jahren mit normalen Pulswerten und einem Lächeln entlassen werden.

Das Lächeln sollte wohl heißen, dass Ärzte viel empfehlen können aber hin und wieder eine Dose Red Bull ja wohl nicht schaden könnte. Na dann, Prost!

© T. Petersohn