Ein Leben für 100 Fische

Cape Cod - Eine große Halbinsel im Südosten von Massachusetts in den USA. Meine Freundin und ich hatten uns recht spontan überlegt Freunde zu besuchen, die gerade in Boston lebten. Es war ein schöner Tag, den wir zuerst am Strand und dann in einem Restaurant verbrachten.

Beim Essen wollten wir dann den nächsten Tag planen. Wir wollten Hochseefischen gehen. Die erste Nummer bei Google wurde angerufen und es meldete sich ein Mann, der uns sagte wir sollten am nächsten Morgen um 8 Uhr zum Hafen kommen.

Am nächsten Tag machten wir uns dann in kurzer Hose, T-Shirt und Flip-Flops bei 30°C auf dem Weg. Jeff empfing uns am Dock und leitete uns zu einem großen Schiff- wir hatten ein Speedboot nur für uns alleine erwartet- auf dem bereits 40 Personen in Angelmontur bereit zur Abfahrt waren.

Die Angeln und einen Sack für die Fische wurden gestellt. Dann ging es los.

Wir fuhren ca. 1 Stunde raus aufs offene Meer. Es wurde immer windiger und kälter, sodass wir uns von der Crew Regenmonturen ausliehen um nicht zu erfrieren.

Alle standen Schulter an Schulter an Deck und hielten Ihre Angeln ins Wasser. Nach wenigen Sekunden bissen die ersten Fische an und nun wurde uns auch klar, warum Jeff jedem Gast ein Limit von 80 Fischen gesetzt hatte. Wir fingen innerhalb 1 Std. 100 Fische.

Jeff hatte vorher allen anwesenden gezeigt, welcher Fisch gefangen werden darf und welcher nicht. Heute war es nur erlaubt einen circa 25 cm großen Weißfisch zu fangen, von dem nun 100 Stück in unserem geliehenen Sack lagen.

Voller Adrenalin und etwas unterkühlt begaben wir uns unter Deck um einen Tee zu trinken, da kam plötzlich einer der Crewmitglieder auf uns zu gelaufen und bat uns um Hilfe, da ein Passagier wohl kollabiert sei und wir ja Medizinstudenten seien (woher er auch immer das wusste). Ich kam als ersten zu dem Passagier und wir brachten ihn unter Deck um ihn zu untersuchen. Er war blass und atmete flach. Der Puls war sehr langsam und schwach und wir legten ihn in die stabile Seitenlage, wobei wir ständig den Puls kontrollierten. Aus einem langsamen Puls wurde gar kein Puls und so fingen wir sofort an eine Herzdruckmassage durchzuführen. Wir ließen den Kapitän das Schiff wenden und baten um Hilfe durch die Küstenwache, welche jedoch mindesten 1 Std. brauchen würde, sodass eine Fahrt in den Hafen ratsamer erschien.

Wir reanimierten 1 Std. Im Hafen angekommen übernahmen die Rettungkräfte, welche wir vorher zum Hafen gerufen haben und transportierten den Patienten unter Reanimation ab. Wir standen dort, niedergeschlagen mit unserem Sack voll Fisch am Dock und hatten uns unseren letzten Tag dann doch anders vorgestellt.

Es war mittlerweile Nachmittag und keiner wusste so recht, wie man so einen Tag würdevoll beenden sollte. Es blieb nur das Gefühl, dass man als Mediziner ohne die nötige Ausrüstung sehr eingeschränkt ist und wir dann doch weniger Macht über das Leben haben, als wir uns selbst glauben machen.

Wir sprechen noch oft über den Tag und fragen uns was aus ihm geworden ist.

© T. Petersohn