Coaching goes wrong.

Vor einigen Jahren musste ich ein Coaching Seminar besuchen. Die Kursleiterin, eine Trainerin unentdeckter Qualifikation, faselte mit großen NLP Gesten irgendetwas von Chancen, die es zu erobern gilt. Wo sie recht hat, da hat sie recht. Als sie uns das Thema europäische Zusammenarbeit hinknallt, natürlich mit großer Geste versehen, sodass es mich atemlos vom Seminarstuhl fetzt, bemerke ich beim WiederaufdenSesselsetzen, dass hier nur Deutschland erwähnt wird. Ha! Jetzt hab ich dich! Lassen meine Synapsen Gedanken entstehen und, wie immer, sofort in Worte fassen.

"Sorry, Europa ist ja mehr als Deutschland. Was ist mit den anderen Lustigen?", na mehr brauch ich nicht. Denn schon an meinem Wording erkennt sie den Antieuropäer in mir. Während sie mich zielorientiert ansteuert und sich bedrohlich vor mich positioniert, holt sie Luft und als 2x Geschiedener, weiß ich jetzt was kommt. Die endlose Ansprache. Sie entdeckt in mir den typischen Nazi und besonders da ich ja ein Epos, namens RUNA geschrieben habe, ist das ja jetzt allen klar. Engstirniger als mich gibts kaum. Und während sie so vor mir tobt, sehe ich alte Bilder in mir. Ja, dafür bin ich Spezialist. Da zapp ich mich nervenschonend weg und bin im Land meiner persönlichen Erlebnisse.

Ich sehe meine Mutter, eine Sudetendeutsche aus Mannheim, meine Tante väterlicherseits, die in Marseille lebt. Die vielen Geschäftsreisen, als Kind mit meinem Vater in den damaligen Ostblock, Jugoslawien, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Mazedonien und Russland. Ja, Russland, da hatte ich mit 14 meinen 1. Vollrausch bei einem Bankett, weil ich mir einbildete schon ein Mann zu sein, der bei jeden Trinkspruch gleich das Achtelglas Wodka Ex austrinken muss. Bevor ich beim Bildersehen noch ein Flashback bekomme, tauchen die Bilder meiner Stiefmutter auf, die aus Krakau stammt und den polnischen Freunden. Dann Bilder aus meiner Zeit als Drucker, wo meine Assistenten zumeist aus Serbien, Kroatien und Polen waren. Sehe die vielen freudigen Feste mit ihnen und wenn wir schon beim Thema Feste sind, die Multikulti Partys bei Ines, wo ich alle Sprachen nur mit dem Herzen verstehe.

"Hören Sie mir überhaupt zu?!", schreit Frau Trainerin mitten in mein entspanntes Grinsen hinein, sodass es mir die Haare föhnt. Mitten in den Orkan ihrer trainerischen Laufbahn tauchen plötzlich Bilder von meiner Raftguide Ausbildung und extremen Bergtouren auf. Die vielen Südtiroler und italienischen Freunde, die ich seitdem habe. Wie wir am Lagerfeuer sitzen und sehnsüchtige Lieder singen, dabei besten Wein trinken und uns der Freundschaft freuen. Dann kommen die Bilder meiner Black Community, Jazzsängerinnen, Opernsängern und DJs von FM4.

"Sie sind zu nichts...!!", den Rest höre ich nicht, denn ich habe das Bild meiner Lebensliebe, einer französisch stämmigen Preußin in Händen und grinse glücklich, erhebe mich und gehe. "Lernens europäisch", sage ich als ich die Türe schließe.

© Tom C. Schopper