Die unerwartete Bahnfahrt.

Zwangskuscheln unbekannter Gäste, der Zug. In der maximalen Steigerung der unbekannten variablen BegegnungsTheorie auch U-Bahn genannt. Damit das Ganze auch lustig ist, die Wiener U-Bahn. In meinem Fall die U1 um 7:30. "Na, das wird ja ned so arg sein", dachte ich, der schon Jahre nicht mit öffentlichen Verkehrsmittel gefahren war. Mit diesen Gedanken nähere ich mich dem Abstieg in die Tiefe. Vor mir sehe ich Hundertschaften von Kids die Stufen hinabsteigen. "Na, habens die Schule tiefergelegt?", frage ich mich, während mich der Strom der künftigen Pensionseinzahler erfasst. Ich komm mir wie ein Zahnrad vor, ohne Möglichkeit den Kreis des Unabweichlichen zu verlassen. Schultaschen massieren mein Kinn, während mich von hinten unbekannte Kräfte anschieben. "Na, solange die Richtung stimmt, passts ja", sind meine Gedanken während ich mich aufs Stufenhinabsteigen konzentriere. Wenigstens fallen kann ich nicht.

Dieser Gedanke begleitet mich, bis wir die Ebene der Bahnsteige erreicht haben, Dort teilt sich der Strom. Während die Jungen alle Bahnsteig 1 ansteuern der zum Zug in die City führt, wenden sich die Älteren nach links zum Zug der in die Außenbezirke führt, dort, wo die ÄrzteGemeinschaftsPraxen liegen.

"Entschuldigung, ich möchte zum Bahnsteig 2, darf ich raus?", frage ich den Schüler neben mir. Doch das bringt nix, er sieht mich nur verdutzt an, und meint, dass er sich nicht in Luft auflösen kann. "Na, das wär jetzt eine gute Idee", und konzentriere mich auf den Lauf der Dinge, der mich jetzt immer weiter am Bahnsteig 1 entlangschiebt. Ich sammle meine Kräfte, lege alles in meine Stimme und rufe laut "Entschuldigung, ich will da durch!", natürlich bläst jetzt ein Wind durch den unterirdischen Schlauch und kündigt so das spontane Eintreffen des Zugs an. "Na, das war wohl nix", und versuche stehenzubleiben damit der Schreckensstrom an mir vorbei in die sich nun öffnenden Türen reinquetschen kann. Natürlich ist meine Theorie nicht viel wert, denn in der Praxis werde ich in die Sardinenbüchse reingedrängt und entferne mich meiner Praxis, die im Süden liegt. "Na, dann steig ich bei der nächsten Station halt aus". Gute Idee, aber bei der nächsten Station Karlsplatz drängen weiter Menschen in die hoffnungslos überfüllte U-Bahn hinein und ich finde mich am Platz der Arschkarte für spontanes Aussteigen. Genau in der Mitte des Zugs. Am Sitzplatz neben mir sitzen 4 ältere Menschen und an ihren angsterfüllten Blicken in den sich Hoffnungslosigkeit widerspiegelt weiß ich, diese Idee hatten schon andere vor mir gehabt.

"Wo wollten Sie denn raus?", frage ich die ältere Dame, die mich traurig ansieht. "I wollt da gar nicht rein", antwortet sie den Tränen nahe. "Na, wenigstens bin ich nicht alleine im Schicksal", und nicke ihr aufmunternd zu. Ich drehe mich vorsichtig um, sehe am Fenstersitzplatz einen uralten Mann und frag mich, wie jung er wohl beim Einsteigen war.

6 Stationen später fallen wir uns in die Arme und steigen aus.

© Tom C. Schopper