Ein unerwarteter Anruf.

Das schwarze Loch. Nein, nicht die Verdichtung von Masse, welche sogar die Raumzeit krümmt, aus der keinerlei Information mehr entweichen kann, sondern eine Depri, die zwar der obengenannten Singularität sehr nahe kommt, aber weitaus gefährlicher für einen Menschen, wie meinereiner, ist. Weil es auf Erden stattfindet und nicht 50k Lichtjahre entfernt. Diesen Zustand hatte ich gerade mühsam hinter mich gebracht.

Es war wie frisch, mit großem Kraftaufwand der Scheissgasse entstiegen und statt hellen Sonnenschein erwartete mich dichter Nebel der Hoffnungslosigkeit. Es gab kein links, kein rechts, weder oben, noch unten. Gerüche, alle gleich und Glück fernab. Jedes Tun so sinnlos, der Blick in den Spiegel so wehrlos, jeder Schritt so kraftlos, die Gedanken so hoffnungslos.

In diesem Zustand befand ich mich bereits seit Wochen, wenn nicht Monaten. Freunde hielt ich mit Ausreden fern von mir, wollte sie nicht mit der Gravitation dunkler Gedanken mit hinunterziehen. "Ich schreibe am Epos", war der Zaubersatz, der sie abhielt, bei mir nach dem rechten zu sehen. In Gedanken befand ich mich im großen Nichts.

So loggte ich mich bei Twitter ein. Denn auch hier hatte ich liebevolle Menschen kennen und schätzen gelernt. Der Kaffee, schon längst erkaltet, neben mir. Oft umfasse ich das Häferl und trinke nicht, es schien der letzte Halt zu sein. Kein Hadern mit dem Schicksal, als Nordmann glaube ich an die unabwendbare Bestimmung und bin nur mehr neugierig, was die Norne des Werdenden, Verdandi, für mich vorbereitet hat. Denn wenn mein selbstgezimmerter Glaube stimmt, geschieht etwas. Muss etwas geschehen, außer ich bin verdammt, im dichten undurchdringlichen Nebel zu bleiben.

In dieser Stimmung schreibe ich Personen auf Twitter an, bringe sie zum Lachen, die Nachrede soll ja gut sein, dann entkommt mir ein tief dunkler Satz. Alle glauben, es sei eine ironische Wortmeldung, und schicken mir grinsende Smileys. Nur einer nicht. Einer, der mir zwar auf Twitter folgt, mit dem ich dennoch noch nie geschrieben habe. Einmal vor dem Parlament getroffen, kurz über dies und das gesprochen und sich wieder freundlich verabschiedet. Er schreibt mich an und fragt, was los ist mit mir. Ich kanns nicht glauben. Er schreibt mich an und will meine Telefonnummer, in meinem dunklen Nebel schreibe ich sie und erwarte nichts, dann logge ich mich bei Twitter aus und suche meine Zigaretten, natürlich finde ich nix . Da läutet das Telefon. Wie ferngesteuert hebe ich ab und höre seine Stimme, die ich aus den Parlamentsübertragungen gut kenne. Er fragt, was abgeht, hört mir zu, unterbricht mich nicht, zeigt echtes Interesse, durch das er mir Hoffnung gibt. Fast eine halbe Stunde reden wir, als wir das Gespräch beenden, sehe ich aus dem dichten Nebel etwas Helles, die Sonne wie mir scheint, ich beschließe, dem nachzugehen. Ich lebe nur durch zuhören.

Darum wollte ich unbedingt bei den 16 dabei sein, nur um ihn dafür zu danken und dabei in seine Augen zu sehen.

Mat

© Tom C. Schopper