Free solo.

Franz und mich hatte zwar kein Berg gerufen, aber was solls, wir gingen trotzdem rauf. Manchmal nutzten wir Wanderpfade, aber die wahren Geister kamen, wenn Franz und ich alleine unterwegs waren. Da ging es einzig alleine darum den anderen mit extremen Touren in Angst zu versetzen. Das konnten wir gut, zumeist entpuppte sich die eingeschlagene Route als Kindergartenweg, doch manchmal, in besonderen Augenblicken kam es ganz anders als geplant. So auch am Dachstein.

Einleitend möchte ich noch die Methode erklären in der wir zumeist klettern gingen. Wo andere sich mit Lektüre, Namen des Aufstiegs, Fixhaken etc. im Vorfeld beschäftigten setzten wir uns 2 Tage vor die Wand und erkundeten mit Fernstecher eine mögliche Aufstiegsvariante. Franz machte die Technikteile, ich diejenigen wo man pure Kraft benötigte. Wir kamen zu dem Schluss, dass es 6 Seillängen waren, Franz den 1. Vorstieg machte, sodass ich zum kraftvollen Teil, mit Überhang, bei Seillänge 3 voranklettern sollte. Schwierigkeitsgrad war 4-5, die Stelle mit dem Überhang eine glatte 7. Normalerweise bewegten wir uns im 4. bis 5. Grad, aber wer zu viel nachdenkt kommt auch nicht weiter. So stiegen wir in die senkrechte Wand ein.

"Hast scho die Hosen voll?", fragt Franz mich am Stand vor der 3. Seillänge und macht eine Dreipunktsicherung, da beim Überhang kein Fixhaken oder ein Spalt für einen Friend zu sehen war. Hier würde ein Absturz ins Seil 10 Meter betragen, also mit Seildehnung 23 Meter freier Fall. "Wenn mach ich dir eh nur aufn Kopf. Gibs Gewitter her", sag ich und laß mir den Respekt vor der nächsten Seillänge nicht anmerken. So drückt mir Franz das Bündel mit Karabinern und Friends in die Hand und ich hänge es klirrend hinten an den Klettergurt. Franz kontrolliert noch meine Knoten und ich die seinen, dann klopft er mir auf die Schultern und es geht los.

Ich nutze einen schmalen Riss zum Aufstieg, Hand flach hinein, dann umdrehen und Faust machen, so gehts dahin. Nach 20 Metern höre ich Franz schreien, suche guten Halt und schaue hinab. Da wir schon über 90 Meter in der Wand hängen, sieht Franz so klein aus, noch kleiner seine wild winkenden Arme. Doch ich verstehe nicht was er will, ich sehe, dass bei ihm alles ok ist und klettere weiter. Beim Überhang angekommen schlucke ich kurz. Hier sieht es ganz anders aus als vermutet, der breite Riss entpuppt sich als scharfkantiger Seilkiller. Also neue Route aussuchen, drei große Ausbuchtungen bieten sich an, die ich auch nehme da meine Hände schon gefühllos werden. Ich steige seitlich gedreht ein, nutze die Ausbuchtungen für den notwendigen Gegendruck, drehe mich keuchend wieder in die richtige Richtung und mit einem Klimmzug ziehe ich mich auf den Vorsprung. Franz schreit noch immer. Oben richte ich den Stand ein.

Als ich das Seil einziehe merke ich, dass das Seil flattert. Ich war die ganze Zeit ungesichert, habe mich nirgends selbst gesichert.

Nachher kletterten wir nur mehr Top Rope und wussten, dass Adrenalin das Hirn trübt.

© Tom C. Schopper