Der Jahrhundert Hagel.

Auch Ende der 70er fuhren wir nach Keutschach zelten. Dort trafen wir die Schwestern meiner Mutter, alle aus Mannheim, und besonders freute ich mich auf meinen gleichaltrigen Cousin Michael. Die gemeinsamen 6 Wochen verbrachten wir immer mit Abenteuern und streiten, also die ganz normale Übung unter pubertierenden Burschen. Wir wussten, dass es der letzte Urlaub war in dem wir noch unsere Kindheit ausleben konnten. Nächstes Jahr, das war uns klar, würden wir schon eine Freundin haben und andere Interessen verfolgen als den Campingplatz auf Trab zu halten.

"Hajo Thomas. Du wescht wir müssen den Bach noch nuff gehe", sagt Michael als wir uns den Plan für 6 Wochen zusammenstellen. Ja, dieser kalte Bach hatte es uns seit vielen Jahren angetan. Wir hatten uns als 8 jährige Abenteurer vorgenommen diesen Bach bis zur Quelle, die irgendwo tief in den dunklen Wäldern liegen musste, hinaufzugehen. Reverse Canyoning würde man heute dazu sagen.

Michael sieht mich an und sehe in seinem Blick, dass es jetzt, sofort und auf der Stelle sein musste. Wir beginnen mit den Vorbereitungen. Ich schleiche mich in den Wohnwagen und nehme die Gummistiefel und die Regenjacke, dann gehe ich zum Treffpunkt beim kalten Bach.

Wir waren schon eine Stunde unterwegs als wir bei der Stelle ankamen, die uns die Jahre zuvor das Weiterkommen unmöglich gemacht hatte. Der Wasserfall. Wir stehen bis zu den Knien im Loch welches das Wasser gegraben hatte und suchen eine Stelle an der wir die Felswand überwinden können. Da beginnt der Boden zu vibrieren und das Wasser steigt. Wir laufen bis zu einer Stelle zurück, an der wir aus dem Bachbett rauskommen und klettern die Böschung hinauf. Unter uns steigt das Wasser rasant. Dicke Regentropfen klatschen auf die dicht stehenden Bäume um uns herum, lauter Donner lässt den Erdboden erzittern. Gewitter waren hier nichts besonderes, deshalb sind wir ruhig und gehen durch den Wald bergab Richtung Campingplatz. Als wir eine kleine Lichtung erreichen, können wir zum ersten mal den Himmel sehen. Er ist tief orange. Schreie vom nahen Zeltplatz dringen zu uns vor. Dann beginnt das dumpfe Hämmern das ich nie mehr vergessen werde. Armdicke Äste brechen von den Bäumen herab. Das Hämmern wird lauter. Als ein Querschläger aus Eis dicht an uns vorbei zischt, wissen wir was das Geräusch verursacht. Hagel so groß wie Tennisbälle. Das Hämmern wird ein durchgehendes lautes Rauschen nur unterbrochen von hellen "Plong!", wenn ein Hagelgeschoß dicht bei uns auf Bäume trifft. Wir kauern uns an einen dicken Baumstamm, wo wir trotzdem von Querschlägern getroffen werden.

Nach 10 Minuten ist der Spuk vorbei. Mein Schlüsselbein ist gebrochen, Michaels Nase blutet stark. So gehen wir weiter. Als wir zum 1. mal den Zeltplatz sehen wissen wir, unser Urlaub ist vorbei. Alle Wohnwagen sind zerstört, Zelte teilweise zusammengebrochen und in den Autos stecken noch Hagelbrocken.

Das war unser letzter gemeinsamer Urlaub. Danke für die tollen Jahre Michi.

© Tom C. Schopper