Das Anti-Vorbild.

Jeder kennt sie. In fast jeder größeren Wohnanlage gibt es sie. Sie, die nur eines kennen. Leute schikanieren, vorzugsweise Kinder und Frauen, wenn das schikanieren nicht ausreicht wird hingedroschen. Vorzugsweise auf Kinder und Frauen.

Wir in Siebenhirten des Jahres 1975 hatten so eine seltsame Lebensform in der Wohnanlage. Er schlug Frau und Kind, sie gingen leider zu oft mit Sonnenbrillen außer Haus, schlug seinen Hund, der leider zu blöd war ihn dafür zu beißen. Er fuhr mit seinem Auto immer gegen die Einbahn, leider fuhr ihm keiner hinein, weil ja der Klügere nachgibt. Er hupte ältere Menschen an, wenn sie bei Grün über die Straße gingen. Ja, die Farbe Rot war nicht sein Ding, da blieb er aus Prinzip nie stehen. Er war ja konservativer Politiker, die brauchen das nicht. Schimpfte ihn ein Stärkerer dafür, schlug er wieder Frau und Kind. Dieses geistige Nackerpatzerl war Hans-Peter. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung, er wollte gerade seinen Hund, einen Boxer, auf die kleineren Kinder hetzen, weil sie eine Schneeburg bauten. Am Rande des Urwalds, an dem unsere Siedlung lag, störte sie niemanden, nur HP. Vom Balkon aus sah ich, wie sich Richard, der kleinere Bruder meines Jugendfreundes schützend vor den Rest der Kinder stellte, die laut zu weinen begonnen hatten. Ich sprang vom 1. Stock auf die riesige Schneewechte und rannte, nachdem ich mich erfolgreich ausgegraben hatte, zum Ort des Kindesmissbrauchs. Ich war 14 und trotzdem einen Kopf größer als Hans-Peter, so forderte ich ihn auf es doch mal mit einem Größeren zu versuchen. Ich zum Beispiel hätte gerade nix zu tun und Zeit.

Er gibt das Kommando "Fass!", sein gut geprügelter Boxer sieht ihn an und weiß nicht was er von ihm will. Aus den Augenwinkeln sehe ich Robert, Richards Bruder heraneilen. Robert ist zwar erst 13 aber er fackelt nicht lange. Sein Schneeball trifft HP direkt am Kopf. Ich spüre, dass es Zeit ist diesem Sonderling eine Lektion zu erteilen, sage den kleineren Kids, dass sie schnell weglaufen sollen, denn jetzt beginnt HPs Lehrstunde. "Baumhaus!", schreit Robert und ich schalte schnell, gebe dem Schänder einen leichten Stoß, der ausreicht, dass er motiviert ist uns blindlings in den dichten Au-Urwald zu folgen. So erreichen wir unser Baumhaus.

Einleitend möchte ich noch erwähnen, dass wir den Kampf um den Urwald gegen andere JugendGangs nicht durch Liebsein gewonnen hatten. Aus dem Fenster des Baumhauses ragte der Lauf von einem MG 42, das wir in der alten Ruine gefunden und so gut es ging restauriert hatten. Zumindest die Teile die aus den Fenstern ragten sahen nagelneu aus. Da es Winter war, waren unsere selbstgebauten NapalmVorräte im Baumhaus zu zäh um die Hölle zu entfachen, in die HP eindeutig hingehörte. So sehen wir HP mit Pistole in der Hand näherkommen, als er den MG-Lauf sieht und Robert gerade den Sicherungshebel lautstark durchzieht, rennt HP laut die Polizei rufend weg.

Der Richter bei der Verhandlung grinst und spricht uns frei.

© Tom C. Schopper