Ibiza goes wrong.

Vor Jahren luden mich dänische Studenten nach Ibiza ein. Flug, Unterkunft und alles was man so zum Abchillen braucht wäre bezahlt und Sorgen müsste ich mir sowieso keine machen, man wäre ja unter gleichgesinnten Freunden. Genau das machte mir aber die meisten Sorgen, weil ich wusste was die Jungen heutzutage unter abfeiern verstehen. Thorbjörn, ein mir gut befreundeter junger Däne mit isländischen Wurzeln, redete stundenlang auf mich ein, dabei hatte ich doch keinen Cent am Konto.

"Come on Tom, wir haben zusammengelegt. Etwas Abwechslung tut dir sicher gut", dabei strahlen mich seine stahlblauen Augen freudig an. "Ja, aber was ist, wenn wir uns dort aus den Augen verlieren? Wenn ich zu betteln beginne, sperren die mich dort gleich ein. Und solche Abhängigkeiten mag ich echt nicht besonders, Thorbjörn, du kennst mich", antworte ich ihm, während der Schweinehund in mir kämpft. "Dann legen wir für dich ein Konto an, zahlen drauf ein und du kannst es überall abheben", meint er und stellt mir ein Glas Wein auf den Tisch. "Und was wollt ihr von mir als Gegenleistung?", frag ich, da ich ihn und seine Kumpels gut kenne. Ich hab ja nichts, das ich als Gegenleistung mit einbringen kann, damit es eine Win Win Situation wird. Thörbjörn überlegt lange.

"Du schreibst ja Romane und wenn du einmal berühmt wirst, denkst du an uns und wir machen Party in deiner Villa, falls du dann eine hast", dabei grinst er über das ganze Gesicht und blickt mich überschlau an. "Ich kenn euch zu gut, ihr zerlegts mir dann die ganze Hütte und kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Nicht, das ich euch nicht mag, das kostet mich ein Vermögen, das ich noch nicht einmal habe". "Come on Tom, fahr doch mit und denk nicht zuviel nach", sagt er weiterhin grinsend und in mir keimt ein Verdacht auf, den ich sogleich in Worte fasse. "Ich hab dich durchschaut alter Däne, ihr sucht einfach nur einen alten Deppen, den ihr besoffen machen könnt und dann mit braunen Filzstiften beschmiert, oder?". Thorbjörn grinst schelmisch und legt einen blauen Marker auf den Tisch. "Eigentlich hab ich das heute schon vorgehabt, leider trinkst du ja absolut keinen Alkohol".

Stunden später verabschieden wir uns, nüchtern. Bei der Heimfahrt zuckt mein Schweinehund auf meiner Schulter aus, doch ich ignorier ihn. Daheim angekommen rufe ich an und sage dankend ab. "Ibiza ist nix für mich".

Gestern las ich auf Twitter etwas mit der Headline 'Ibiza' und denke seltsamerweise nicht an Sonne, Sand und Meer. Ich sehe nur Thorbjörns schelmisches Grinsen. Wie wäre es wohl mir ergangen, wenn ich auf meinen Schweinehund gehört hätte? Hitze und Alkohol passen eben nicht zu meinen selbst auferlegten strengen Moralvorgaben. Oh, da gibt es sogar ein Video im Net. Staunend sehe ich es mir an. Bleibe nachher noch lange fassungslos auf meiner Couch sitzen, dann drehe ich den Laptop ab, gehe ins Badezimmer und übergebe mich.

Seltsamerweise kann ich nachher noch gut in den SPIEGEL blicken. Wie es wohl anderen ergangen ist?

Heute.

© Tom C. Schopper