Karl.

Seit Jahren sitzt er am Bankerl, gleich bei mir ums Eck. Lächelt jeden zu, der etwas Zeit aufwendet um ihn anzusehen. Wer genauer hinschaut sieht, dass er schon viel in seinem Leben erlebt hat. Viel zu erzählen, wenn er reden würde. Viel weiterzugeben, wenn man ihn fragen würde.

So sitzt er bei jedem Wetter auf seinem Bankerl, gleich bei mir ums Eck. Sieht oft in den Himmel hinauf, wenn man ihn genauer beobachten würde, doch keiner nimmt sich die Zeit. Schade eigentlich, dann man würde von einem ehrlichen Lächeln belohnt werden. Manchmal sieht er ins Leere und dann würde man die Tränen in seinen Augen sehen, wenn man ihn genauer beachten würde. Doch er ist alt. So sitzt er, alt, einsam und beständig wie ein Uhrwerk auf seinem Bankerl. Sieht den hektisch hetzenden Menschen zu und manchmal auch nach, wenn dieser eine Mensch sich die Zeit genommen hat um ihn anzusehen. Da sehe ich Melancholie in seinen Augen, dann sieht er wieder in den Himmel hinauf und dann mit einer Träne in den Augen wieder ins Leere. Tag für Tag. Monat für Monat.

Wenn der Winter kommt, trägt er einen dicken Mantel, den Hut bis über die Ohren gezogen, seine ledernen Hände werden von Wollfäustlingen warm gehalten. Schneefall, Regen, Sturm, nichts scheint ihn abzuhalten jeden Tag am Bankerl, gleich bei mir ums Eck zu sitzen. Wenn man genauer hinsieht, könnte man erkennen, dass seine Tränen manchmal im Winter einfrieren und glitzernde Gebilde auf seinen Wangen hinterlassen. Im Wechselspiel, lächelt er, dann sieht er wieder ins Leere. Tagein und tagaus, seit 16 Jahren, sitzt er auf seinem Bankerl, gleich bei mir ums Eck.

Wenn man sich Zeit nehmen würde, könnte man sein ehrliches, tiefes Lächeln besonders hell strahlen sehen, wenn die Schüler aus der nahen Schule herausströmen. Danach sieht er wieder ins Leere und dieses eine mal am Tag, sieht man ihn kurz weinen, während er ins Leere sieht. Dieser Moment ist kurz, das würde man merken, wenn man ihn ansehen würde. Dann sieht er wieder lächelnd den Menschen in die Augen, die sich kurz Zeit nehmen um genauer hinzusehen.

Seit 3 Tagen ist er nicht mehr da. Das Bankerl ist verwaist. Wenn man genau hinsehen würde, könnte man erkennen, dass Menschen, die diesen Weg oft gehen, beim Bankerl kurz innehalten und suchend umhersehen. Manche gehen nachher langsamer weiter als zuvor und sehen kurz ins Leere.

Heute setzte ich mich aufs Bankerl und lächle jeden an, der sich die Zeit nimmt um genauer hinzusehen. Ein Mann setzt sich zu mir, schaut suchend umher, dann sieht er mir in die Augen und bemerkt die Tränen in meinen Augen. Er fragt zögerlich, ob alles ok ist bei mir. "Er hieß Karl. Jeden Tag wartete er auf seine Tochter, doch sie kam nicht", der Mann wird traurig, nickt langsam und steht noch langsamer auf. Er nimmt sich die Zeit und sieht nochmal in meine Augen, ich sehe die Tränen in seinen Augen, dann geht er langsam weiter.

Ich sitze auf dem Bankerl und warte. Manchmal sehe ich in den Himmel, dann wieder ins Leere.

Vielleicht kommt sie doch … eines Tages.

© Tom C. Schopper