Ein unerwartetes Ende der Geschichte.

"Du kannst so toll Geschichten erzählen, Tom. Mach das doch mal auf einem Mittelalterfest", sagten Freunde zu mir. Da ich seltsamerweise auf Freunde mehr höre als auf mich selbst, beschließe ich das zu testen. Man hört ja vieles, bevor man es umsetzt, es versucht … und manchmal auch daran scheitert. Das Vorbild, das ich mir nehme ist Halldór, den Helden der isländischen Dichtkunst.

Geschichtenerzähler hatten schon seit jeher großen Unterhaltungswert. Besonders in Island. Oft kamen von weither die Zuhörer, um den alten Sagas oder Dichtungen zu lauschen. Es gab ja weit und breit nichts. Kein Fernsehen, keine Videos, kein Internet, nix, nur die langen harten Winter. Da waren die Abende der Geschichtenerzähler der große Knaller. Auch wurden so alte Weisheiten und Erfahrungen an die nächsten Generationen übertragen.

"Schreib doch tolle Märchen für Kinder", das gaben mir meine Freunde noch mit auf den Weg. Mir fällt sofort die Geschichte vom letzten hellen Drachen und seinem Hüter, den Drachhelir Widr ein. Sie erklärt den Sinn, den die Drachen hatten und was passiert, wenn man nicht auf die Liebe aufpasst. Natürlich, jeder der mich genauer kennt, weiß, dass das nicht ohne Show ablaufen kann. Und ein Test muss her. So rufe ich alle Freunde und Bekannte an und lade sie spontan zu einem "abenteuerlichen Geschichtenerlebnis" ein. Überraschenderweise sagten alle zu und kamen auch.

Im Zuge eines Mittelalterfestes organisiere ich ein großes Zelt, dekoriere es im Drachenlook, nicht kitschig, denn Kinder sind die besten Kritiker, die durchschauen sofort, wenn sie verarscht werden. Lege den Startzeitpunkt in die Abendstunden, verkleide mich mit dunklen wallenden Umhang, mit Schwert und tief übers Gesicht hängender Kapuze, erwarte ich die 12 Kids, im Alter von 8 bis 10, samt Eltern. Fackeln erhellen das dunkle Zelt. Widr sitzt mit tief verhüllten Gesicht auf einem alten Sessel, von dem nur die Götter wissen, warum er nicht zusammenbricht. Als alle am strohbedeckten Boden Platz genommen haben, erzählt der letzte Drachhelir von woher er kommt, was er auf seinem Weg, den letzten hellen Drachen zu beschützen so alles erlebt hat und warum die Liebe so wichtig ist. Kinderaugen starren gebannt auf den Alten, auch die Eltern sind gebannt. Nun so denke ich, ist die Zeit gekommen um den theatralischen Schlusspunkt zu setzen. Ein finaler Erschrecker. Wäre ja nicht ich, wenns anders ablaufen würde. He, ich schreib Horror Romane und kein Telefonbuch für Aushilfszwerge.

"... und hütet euch vor den dunklen Schatten des Hasses. Hütet euch, denn es gibt noch einen. Einen letzten Drachhelir!", mit diesen Worten reißt sich Widr, die Kapuze vom Kopf, steht schnell dabei auf, blickt grimmig und zieht sein Schwert aus der Scheide.

Statt Schreckmoment, stürzen die Kids auf Widr, werfen ihn um und versuchen ihn alle zugleich zu umarmen, spenden Trost und versprechen ihm beim Schutz des letzten Drachen zu helfen.

Wenigstens die Eltern hat Widr erschreckt.

© Tom C. Schopper