Niki Lauda.

Wir waren 12 bis 13 Jahre alt und es gab ein Hauptthema bei unseren verhaltensauffälligen Unternehmungen. Nein, nicht die Herrschaft über den angrenzenden AuwaldDschungel. Auch nicht die Hoheit über die mächtige Ruine der Brauerei am Kellerberg, das hatten wir schon 2 Jahre zuvor erledigt. Und besonders nicht die Mädchen aus unserer Umgebung, denn das war uns nicht ganz geheuer. Wie konnten sich die älteren und vor allem größeren Jungs der gegnerischen Siedlung innerhalb von nur wenigen Monaten von gefährlichen Typen, unsere Mütter sagten immer die Schlurfs dazu, zu albern wirkenden, schlecht singenden und nach Old Spice stinkenden, dauergrinsenden Musterschülern entwickeln? Da war eindeutig etwas oberfaul.

Wir hatten ja alle die kleine Hexe von Otto Preussler gelesen, während Pipi Langstrumpf im SW Röhrenfernseher ein ganzes Pferd hochstemmte, dabei lachte und ihre Zöpfe umherwirbelte. So kamen wir zu dem Schluss, von den Mädchen mussten wir uns solange es möglich war fernhalten. In einer unserer Gruppensitzungen, in einem Baumhaus mitten im dichten Auwald, beschlossen wir, dass es neue Helden brauchte, die mit den hexenhaften Mädchen schon gar nichts gemeinsam hatten. Da wir alle AutoFans waren, kam nur ein Rennfahrer infrage. Ferrari war uns allen wohlbekannt, denn wir hatten ja alle die roten Rennautos aus Blech zum Spielen daheim. "Clay Regazzoni!", riefen die einen, während die anderen "Jacky Ickx" und "Judy Scheckter", brüllten. Ich saß in der Mitte und konnte mit meinem Sprachfehler diese Namen nicht einmal tanzen. Wir hatten keinen Anführer und waren eigentlich eine demokratische Gruppe, also derjenige, der am lautesten war oder etwas beeindruckendes abgeliefert hatte war der Boss des Tages.

So sitze ich inmitten der brüllenden Kids, denke nach und plötzlich habe ich die Idee. "Vorige Woche fuhr ich 200 Kilometer mit Papas Ford in Polen, und ihr so?", sage ich leise und die Gruppe verstummt langsam. "Niki Lauda, ist jetzt im Ferrari", der Zaubersatz, der alle beeindruckt. Sofort beschließen wir Seifenkistenautos zu bauen und ein Rennen, den Kellerberg hinab, zu veranstalten.

1 Woche später sitzt jeder in seinem selbstgepfuschten Teil. Ich im roten Holzauto, die anderen Ruhestörer nennen sich nach Rennfahrern, die ich ohne meine Logopädin nicht aussprechen kann, aber was solls, ich habe einen Ferrari und bin Niki Lauda. Roberts kleinerer Bruder hat die selbstgebastelte Startflagge in der Hand, das Ziel 300 Meter vor uns wird vom uns wohlgesonnenen Hausmeister H. der Wohnanlage bewacht. Und es geht los.

Das rechte Vorderrad, das einsam und verlassen den Hügel herabrollte und eindeutig Norberts Seifenkiste zuzuordnen war wird zum Sieger erklärt, während 1 großer Holzhaufen, etwa 10 Meter vom Start entfernt, die Kellerbergstraße blockiert. Denis Hulme, Clay Regazzoni wimmern noch etwas. Jacky Ickx flucht. Und Niki?

Heute las ich, dass er von uns gegangen ist.

RIP Niki, es war schön du zu sein.

© Tom C. Schopper