Survival.

Obersteiermark, irgendwo tief im Wald. Wolkenloser Nachthimmel. Die Milchstraße in voller Pracht. Die Außentemperatur weit unter dem Gefrierpunkt. Lagerfeuer direkt vor meinem Notlager, prasselnd, knackend. Ich im T-Shirt und langer Unterhose davor. Kein Anblick für Götter.

Neben mir sitzt Harvey oder auch Roger Rabbit, wie ich ihn seit Kurzem nenne. Roger/Harvey ist ein langsam auftauender Feldhase. Er ist ein guter Begleiter geworden. Er hört zu, meckert nicht rum, manchmal bringt er mich zum Lachen. Wir sitzen und starren ins Winterfeuer. "Schon mal über das Leben nach dem Tod nachgedacht, Roger?", frage ich ohne eine Antwort zu erwarten. Die geb ich mir nach der 2. Woche im kalten Wald eh selber. "Nein, du?", das laute Knistern des Holzfeuers übertönt meine weiteren Gedanken. Traurig sehe ich den kleinen Funken nach, die schnell in den Nachthimmel aufsteigen. Mein Magen knurrt. "Nein, Roger. Keine Panik", sage ich und nehme einen Schluck vom heißen Tee, klappe den solarbetriebenen Laptop auf und schreibe an meinen Survival Tipps weiter.

17 Tage zuvor:

Ausgelöst durch ein ShitHappens Ereignis, stand ich Ende November auf der Straße. "Selbst im größten Missgeschick befindet sich noch was Gutes!", sagte ich mir selbst, um nicht vollends im schwarzen Loch der Hoffnungslosigkeit zu verschwinden. Da ist ja schon was Wahres dran und sah optimistisch nach vorne. Ich rief einen Bekannten aus der Steiermark an und bat ihn in seinem Wald zu lagern. Das angebotene Försterhaus lehnte ich ab. Ich wollte Überlebenstipps schreiben. Keine schlecht recherchierten und abgekupferte, sondern echte, mitten im Überlebenskampf, in einer realen Situation erlebte. Überleb ich die Challenge, sind sie wirklich gut. Im Umkehrschluss wäre ich im Frühjahr gefunden worden und niemand würde sich die unbrauchbaren Tipps antun müssen. Faire Sache.

Martin holt mich von Wien ab und da ich ihn überzeugt hatte, dass ich das Ding packe, bringt er mich in seinen großen Bergwald. Erklärt mir, dass ich nicht jagen darf, da ich keine Jagdlizenz habe. Er wird mir aber aus seiner Kühltruhe etwas Fleisch mitgeben. So lerne ich tags darauf Harvey/Roger kennen. Martin sagt mir nur, wo ich mich im Notfall melden kann und gibt mir den Schlüssel zum Jagdhaus, den ich ihn wieder unbemerkt in die Jacke zurückstecke. Ich will die Nummer ohne Hinterausgang durchziehen. Nach 2 Stunden durch tiefen Schnee waten erreiche ich einen optimalen Platz und baue mein Lager auf. Alufolie hinter dem Lagerfeuer und an der hinteren Wand der Lagerstelle angebracht erwärmen mich schnell. Es wird wirklich sehr heiß. Nach einigen Tagen habe ich mein Lager gut ausgebaut und komme mit dem Schreiben gut voran.

Frühling im Jahr darauf:

Die Tipps sind fertig. In meiner neuen Wohnung vollende ich den letzten Satz. Aufgeregt geh ich ins Nebenzimmer. "Fertig! Wir haben es geschafft!", ich erwarte mir keine Antwort und dennoch bilde ich mir ein, dass der ausgestopfte Roger kurz zwinkert.

© Tom C. Schopper