Tschüss.

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Wo? Das denk ich mir, während ich die letzte Schmerzwelle, wehenschwanger verhechle. Naturgemäß verhechle ich sie nicht im Bett, wo es viel bequemer wäre, sondern am harten Parkettboden im Vorzimmer. Genauer: Vor der Türe zur glorreichen Sitzung. In der Abfahrtshocke, nur halt seitlich liegend. So starre ich nicht, wie erwartet, ins Leere und philosophiere über den Weltfrieden, den Klimawandel und warum die Politik und manche Menschen so sind wie sie eben sind. Sondern stelle mir nur eine Frage.

Wo bin ich?

Da sind mir plötzlich Flares von WR104 oder Sonnenausbrüche so fern wie meine Komfortzone, von einer Metaebene ganz zu schweigen. "Wo bin ich?", bring ich stöhnend heraus und stelle fest, dass es gut war am Vortag staubgesaugt zu haben. Oh, in meiner Wohnung. Da ich jetzt ein positiv denkender Mensch geworden bin, freue ich mich und weiß nicht mehr warum. Der Schmerz frisst mir die letzten Gedanken weg und es fühlt sich seltsam an. Wie ein schlechter Feund, der unerwartet vor der Türe steht und Sturm läutend Einlass begehrt. Na, besser als ein Einlauf, denk ich mir noch, während mein Gesichtsfeld immer enger wird. Also das Gegenteil von open minded. Dann wirds dunkel. Im Allgemeinen und bei mir sowieso. Die allgemeine Verdunkelungstheorie.

Wo?

Stunden, Minuten später. Wo bin ich? Sakra noamoi, bin i no immer da? Oh, wie gut, dass ich am Vortag staubgesaugt hatte. Ah, in meiner Wohnung lieg ich. Hab ich mir schon gedacht, dass ich hart liege? "Wo?", frag ich mich erneut oder wars das erste Mal? Wo wollt ich hin? Strategisch lieg ich ungünstig, genau in der Mitte zwischen MedizinSchrank und Klotüre. Welches Türchen wollens denn? Das, mit den wunderschönen bunten Pillen oder das Tor hinter dem sich ein Ort der spirituellen Öffnung befinden könnte? Oh, fuck.

Wo?

Wo ist der Notausgang? Where is my personal Exit? Irgendwie ist das jetzt anders als die letzten Male. Muss man beim Verrecken noch schön sprechen? Verreck ich eigentlich, wenn ich noch schräg denken kann? Die spontan erscheinende Magenkolik beendet jedes weitere Selbstgespräch abrupt. Thank u for the fish.

Wo?

"Wo kann ich mich erfolgreich beschweren?", frag ich mich nachdem ich festgestellt hatte, dass es gut war, staubgesaugt zu haben. Aber es liegt sich hart. "Nur die Harten kommen durch", klingt jetzt mehr wie Hohn. Ein Mythos wie, dass der Klügere nachgeben soll. Oh, würde ich dann bis zum Keller durchfallen oder wäre es ein Sturz durch den Erdkern? Major Tom bricht zu weit entfernten Galaxien auf.

Doch irgendwo in mir schnappt eine Synapse um. "Du kannst nicht mit leeren Händen dastehen, wenn die Zeit gekommen ist", genau das motiviert mich zum Schreibtisch zu kriechen. Ich habe noch etwas zu vollenden. Mein Lebenswerk, das Epos. So richte ich mich auf, setze mich ans Heft und warte bis mein Kopf zum Schreiben frei wird.

Chris und Joe drehen sich zu mir um als sie mich bemerken "Na Wappler, wird eh scho Zeit, dass es weitergeht. Auf gehts!".

Ich habe noch viel zu tun. Tschüss!

© Tom Schopper