Schutzgeist.

Wien, knappe 40 Grad, Sonne fetzt, das Shirt klebt bereits nach wenigen Schritten. Von der nicht sitzenden Frisur ganz zu schweigen.

So gehe ich heute am frühen Nachmittag die Mayerhofstraße im 4. Bezirk entlang. Mein Ziel ist klar. Naschmarkt. Bei meinem LieblingsJapaner gibt's heute Sushi in Aktion. AKTION, dieses Wort lässt nicht nur Ältere vor Freude auszucken, sondern auch Menschen mit extrem schmalen Börserl, wie meinereinereins. Mein Magen knurrt trotz der bereits unerträglichen Hitze, sodass sich schon manche Menschen nach mir umdrehen.

Als ich nach wenigen Minuten die Rienößlgasse und den Durchgang bei der Schule erreiche, mache ich hitzebedingt eine kleine Pause und bemerke dabei, dass ich mein Geld daheim vergessen habe, zugleich nehme ich einen seltsamen Geruch wahr, es riecht so wie, wenn man bei großer Hitze duscht, dann gibt die Therme auch so seltsamen Geruch ab. Mich, über meine Vergesslichkeit ärgernd drehe ich um und schlage den kurzen Heimweg ein, als ich die Rienößlgasse wieder verlasse gibt es einen ohrenbetäubenden Knall, die Erde zittert und starker staubiger Wind weht durch den Durchgang, in dem ich mich vorher gerade befunden hatte. "Oh Fuck!", sage ich, weil ich was sagen muss und mir eh nix anderes einfällt. Die wenigen Menschen die dort auf der Straße sind rennen entweder Richtung Schule oder in die entgegengesetzte Richtung. Ich sehe die große Staubwolke hinter dem Haus emporsteigen und gehe wieder nach hause. Als ich die Mayerhofstraße überquere, sehe und höre ich die ersten Polizei- und Feuerwehrzüge mit Blaulicht Richtung Wehrgasse rasen.

Zu hause angekommen drehe ich sofort das Radio an und höre, dass genau zu dem Zeitpunkt wo ich dort entlanggegangen wäre, wenn ich mein Geld nicht vergessen hätte, eine schwere Explosion ein 5 stöckiges Haus zur Hälfte zum Einsturz gebracht hat. Also mich hätte es voll erwischt. Einige Hausbewohner haben, wie sich nachher herausstellt, nicht soviel Glück gehabt. Erst eine Stunde später realisiere ich was da eigentlich geschehen ist und meine Hände beginnen zu zittern.

Eine halbe Stunde später besucht mich mein Freund Joe. Er erzählt mir, dass da alles voll mit Polizei, Rettung und Feuerwehren ist. Zusammen gehen wir an den Ort der Katastrophe zurück, dort wo schon alles abgesperrt ist und Rettungskräfte noch immer hin und her rennen. Nein. Komme ich zur Erkenntnis, da hätte ich nix mehr machen können. Ich rede auch mit einem Polizisten, der meint auch, dass ich vollkommen richtig entschieden habe und mich bei meinem Schutzengel bedanken soll.

So bedanke ich mich bei Werdandi und hoffe, dass die Schwerverletzten vollständig genesen werden. Die jetzt obdachlosen Bewohner eine gute Lösung für ihre Zukunft bekommen und keine weiteren Opfer gefunden werden, da alle in Sicherheit sind.

Danke Werdandi, Norne des Werdenden. Danke Disin, für die Vergesslichkeit, die du mir heute geschickt hast und danke Schicksal, dass ich auf Erden weitermachen darf.

© Tom C. Schopper