Vorstellen.

"Darf ich mich vorstellen?", wenn du diese Frage beim Einkaufen an der Kassa hörst, treibt es, meistens ergebnisoffen, Bilder von grausamen Gemetzel durch dein inneres Auge. Anders kommt diese Frage bei dir an, wenn du Personalchef bist, ein vom AMS gesandter Nobelpreisträger vor dir steht um sich für den 60 Stunden MindestlohnJob zu bewerben. Auch in der U-Bahn kann dich diese Frage ins Land der guten Träume schicken, wenn die fragestellende Person deiner Zielgruppe entspricht.

Leider spielt es das im realen Leben nicht.

So stehe ich vor der Küchen Wanduhr. Ich höre fast ihr hämisches Gekicher als ich zu ihr hinaufblicke. "Welcher Trottel hat das Teil in 2,4 Meter Höhe aufgehängt?", frage ich mich kurz und bin froh, dass in der Küche kein Spiegel hängt. Erfahrungsgemäß bringt sich strecken nichts, so packe ich den Sessel unter das Zeitmessungsgerät, steige drauf und während ich so draufsteige überkommt mich ein philosophischer Tsunami. "Was ist wenn ich das Luder nicht umstelle? Bin ich dann in der Raumzeit gefangen? Hat das auf mögliche Paralleluniversen einen Einfluss? Wenn ja, welchen?". Du merkst, du bist jetzt in einer Tom Geschichte.

Ich steige wieder langsam vom Sessel und schnappe mir die Tasse mit dem kalten Kaffee. Hmm. Die Raumzeit. Versuche mich krampfhaft an vorige Zeitumstellungen zu erinnern. Da ist doch auch nichts passiert. Während ich das denke, sehe ich an mir herab. Fuck, fuck. Durch das Umstellen der letzten Jahre hat sich die Raumzeit so verdichtet, dass ein Gravitations Ereignis stattgefunden hat. Wie bei solchen Verdichtungen üblich hat sich um meinen Äquator eine Ansammlung von Massen gebildet. Anders kann ich mir den Bauch nicht erklären. Mit zusammengekniffenen Augen blicke ich auf die Wanduhr empor. Rebellisch stelle ich den Sessel weg, bereit den Naturgesetzen zu trotzen. "Mit mir nicht!", fauche ich ihr zu als ich wieder ins Wohnzimmer gehe und mich an den Schreibtisch setze. Bereit am neuen Text für ein Buch weiterzuarbeiten.

"Wo ist die Füllfeder? Wo das Manuskript?", so suche ich und finde sie nicht. Erschöpft stütze ich meinen Kopf auf den Händen ab. Je mehr ich nachdenke, umso klarer wird es für mich. Gefangen in der RaumZeit. Ja klar. Nur dorthin können sie verschwunden sein. So schleiche ich vorsichtig in die Küche, zieh die Nummer mit dem Sessel nochmals durch und mit einem "Sorry", nehme ich das tickende Trumm vom Haken, stelle die Stunde vor und kämpfe eine weitere halbe Stunde um den kleinen Nagel wieder zu treffen. Dann sehe ich demütig wieder auf die Wanduhr, dann auf mich herab. Der Bauch ist immer noch da, aber das braucht sicher noch Zeit um sich zu normalisieren. So setze ich mich an den Wohnzimmertisch und siehe da, direkt unter dem Haufen Zetteln, liegt das Manuskript und die Feder obendrauf. Erleichtert, der RaumZeit Singularität entkommen zu sein atme ich tief aus. Doch was höre ich?

Tick Tack, das wie Ha Haa klingt.

Die Wanduhr im Wohnzimmer. So hab ich mir das nicht vorgestellt.

© Tom C. Schopper