Waldgedanken.

Ich sitze vor dem Lagerfeuer, das knisternd das nähere Umfeld zuckend erhellt. Mit einem Stock schiebe ich die Glut besser zusammen. Funken steigen weit in den Nachthimmel empor, gedankenverloren sehe ich ihnen nach bis sie sich in den Tiefen des schwarzen Nichts verlieren. Der Übergang zu den funkelnden Sternen ist kaum zu bemerken, so lasse ich meinen Gedanken weiter freien Lauf. Kann ja nichts passieren, bin ja alleine im Wald. Irgendwie kann ich den Blick von den Sternen der Milchstraße nicht abwenden. Von dort draussen kommen wir also her. Gibt es den Ort noch, wo meine Atome gebacken wurden? Wie lange brauchten Atome, bis sie sich zu einem Ganzen zusammengefunden hatten? Das Ganze, das jetzt Tom Schopper heißt. Kommen wir alle aus der selben Sonne?

Wenn ja, waren wir da alle ziemlich nah beieinander? Nach Pauli schon. Wieso haben wir uns als Atome eigentlich gut vertragen, waren zu einem hellen, Leben spendeten Stern zusammengepresst und leuchteten, ganz ohne Lobbyisten, von selbst. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wozu auch? War früher wirklich alles besser? Wieso musste dann der Stern, aus dem ich bestehe, explodieren? War ich schon wieder schuld an allem? Vorsichtig berühre ich den Baum, der neben mir steht und Tanne genannt wird aber es tut sich nix. Weder stürzt er in sich zusammen, noch explodiert er. Ok, empirischer Teil der Forschung abgeschlossen. I bin nicht schuld.

Warum sind dann so viele so deppert? Dabei sehe ich den kleinen roten Punkt am Nachthimmel leuchten. Der Mars. Dort wollen die einfachen Hohlbirnen also hin, wenn die Erde komplett versemmelt wurde. Ist ja eh gut, dort ist schon alles kaputt, da ersparen wir uns das Zerstören. Hmmm, wissen die Forscher eigentlich, dass ein Leben und ein terraforming am Mars ausgeschlossen ist? Nur ein Zehntel Schwerkraft hält keine Atmosphäre. Ist ja nicht mein Problem. War früher wirklich alles besser als wir dachten, dass es kleine grüne Männchen am Mars gibt? So können wir nur hoffen.

Auf was eigentlich?

Ein lautes Knacken reißt mich aus den wirren Gedanken. Martin kommt durch das Buschwerk, er schwenkt, schon von weitem sichtbar, eine Flasche selbstgemachten Zirbenschnaps. Ja, wir 2 kommen vom gleichen Stern. Der Schnaps hat mindestens 5 Sterne.

"Schau was i do hob, Tom", so setzt er sich neben mich und reicht mir die Flasche. Ich nehme einen Schluck und reagiere unlogisch. Während es mir das Gesicht verzieht und Gänsehaut über den Körper wandert, sage ich: "Sakrisch guat". Martin grinst. "Glaubst wird das mit dem Klima noch was, Martin?", doch er zuckt nur mit den Schultern. "Is ma wurscht", sagt gerade er, der durch eine Hangrutschung voriges Jahr sein Haus verloren hat. "Schau Tom, was sei muas, des muas sei und was kimmt das kimmt, da kannst nix mochan".

"Eh, war früher wirklich alles besser?". Martin lacht laut. "Meinst mit früher die 30er Jahre?", fragt er. "Nein, als wir noch alle zusammen waren", und zeige in den Sternenhimmel hinauf.

Gibt es am Mars Schnaps?

© Tom C. Schopper