Waldgeist.

Ostersonntag, die Sonne scheint, der Rücken schmerzt nicht so arg wie sonst und ich beschließe gegen 9 Uhr meine Mama auf dem Zentralfriedhof zu besuchen. Da ich heuer noch nicht dort war, bereite ich mich mit Schaufel und großer Grasschere auf eine heftige Säuberungsaktion vor. So sitze ich in der Straßenbahn und werde, je näher ich dem großen Friedhof komme, immer trauriger. Die Durchsage "Zentralfriedhof, Tor 3!", reißt mich teilweise aus den dunklen Wolken, die sich um mich gebildet haben und ich verlasse die Straßenbahn. Jetzt steht noch ein 1 Kilometer Fußmarsch an, die Sonne nehme ich kaum wahr, ebenso das Singen der Vögel. Schritt auf Schritt, Gedanke um Gedanke, nähere ich mich der Aufbewahrungshalle, in deren Nähe sich Mamas Armengrab befindet. Der direkte Zugang ist gesperrt, so schlage ich den Weg von hinten ein und finde das Grab nicht. Der markant helle Grabstein der sich neben ihrem schlichten Grab befand ist auch nicht zu sehen. Ich beginne zu verzweifeln. Wie kann man das Grab seiner Mutter nicht mehr finden? Was für ein scheiß Sohn bin ich? Ist das kleine Holzschild durch die Winterstürme umgefallen? Denk ich mir und beginne fieberhaft alles abzusuchen. Nichts.

"Hat die Friedhofverwaltung ihr Grab aufgelöst? ", frage ich mich in meiner absoluten Verzweiflung. Es ist Sonntag, da kann ich bei der Verwaltung auch nicht nachfragen. So stehe ich in den endlosen Reihen der Gräber und weine. Ich wollte ihr doch das Grab richten und mit ihr reden. Ihr sagen, dass ich sie liebe, auch wenn ich Geschichten von ihr geschrieben habe, sie hatte es ja auch nicht leicht im Leben. Ihr sagen, dass ich ihr alles vergebe aber mir mit dem Vergessen schwer tue. Dadurch wird mein weinen auch nicht weniger. Im Gegenteil. Ich blicke hilfesuchend den alten Baum der neben mir steht an

"Bitte hilf mir. Bitte", flüstere ich unter Tränen. Sofort raschelt es hinter mir. Langsam drehe ich mich um und sehe den jungen Hirsch 5 Meter hinter mir stehen. Er sieht mich an. Langsam nähere ich mich, er bleibt. Er bleibt auch als ich in Griffweite neben ihm stehe. Er beugt sich vor, frisst etwas Gras und entfernt sich langsam. Ich schaue auf den Boden und sehe das Schild unter dem Gras hervorblitzen. "Hermine Schopper".

Während ich das Schild wieder fest aufstelle, es reinige, das Gras schneide, Laub entferne und die Kerze anzünde rede ich mit Mama. Natürlich weine ich wieder, stehe langsam auf und nehme nochmal Abschied. Unter Tränen sehe ich den jungen Hirsch, der wenige Meter abseits steht und mich die ganze Zeit über beobachtet. "Danke Waldgeist", flüstere ich ihm zu. Erst als sich ein älteres Ehepaar aus 50 Meter Entfernung nähert, unterbricht er den Blickkontakt, sieht auf die beiden und rennt weg.

Am Zentralfriedhof sind Tiere, besonders Rehe und Hirsche, keine Seltenheit. Sie sind auch durch den Kontakt zu den Menschen weniger schreckhaft als im Wienerwald. Nun stell ich mir die Frage "War das alles nur Zufall oder Hilfestellung meiner geliebten Natur?"

© Tom C. Schopper