Wien für Anfänger.

"Ich versteh euch Wiener nicht", meint Uwe. Nennen wir ihn Uwe, denn, wenn schon Klischees, dann richtig. Hans-Peter würde auch passen, aber der spricht anders als Uwe, der mehr durch die Nase spricht, anders als Hans-Peter, der den zackigen Befehlston in etwas höherer Stimmlage praktiziert. Irgendwie freu ich mich, dass Holger nicht dabei ist, der mehr singt als spricht. So sitzen wir in Ines' Küche, dort darf bei Feiern geraucht werden und dort finden zuerst die seltsamen Dialoge statt, bevor sich die Wirkung des Weins über die gesamt WG ausbreitet.

"Wos verstehst ned?", dabei sehe ich Uwe in die Augen, in denen sich Fassungslosigkeit widerspiegelt und es beginnt interessant zu werden. "Ich habe noch keinen Wiener getroffen, der nicht jammert". Ja, dem könnte ich beipflichten, wenn, ja, wenn ich nicht ein echter Wiener wäre. "Na geh. Darfst das Ganze ned so eng sehen. Musst dich mehr entspannen. Da eh scho alles wurscht is, is wichtig entspannt zu sein. Verstehst, Uwe?". "Siehste, du bist ja ein Paradebeispiel". "Na, wenigsten ein Beispiel, ist ja schon eh gut", Uwes Gesichtszüge entgleisen, nicht nur weinbedingt. "Nix ist gut, Tom", entrüstet er sich, während ich merke, dass sich Hans-Peter ins Gespräch einbringen will. Na, das wird jetzt echt interessant, denk ich mir und während ich so denke, geht's schon los. "Vollkommen richtig, Uwe. Ich lebe seit Jahren hier und verstehe den Wiener an sich überhaupt nicht!", was sofort "Soll ich hochdeutsch reden?", bei mir auslöst. "Siehste!", sagen sie jetzt im Chor und sehen mich streng an. "Hier gibt's echte Probleme und du machst diesen typischen WienJammerer!", meint KH und trinkt den letzten Schluck Wein aus seinem Glas.

"Probleme gibt's keine, nur Unentspanntheit", werfe ich ein. "Der Wiener sagt, dass es keine Probleme gibt", sagt Uwe zu KH und beide schütteln den Kopf. KH meint daraufhin, dass man mit mir eh kein vernünftiges Wort reden kann, da ich ja alles zu locker sehe. So lehne ich mich zurück und genieße den Dialog der beiden. Sie analysieren den Wiener an sich und mich für sich, ganz genau. Meine Frage, ob ich mich jetzt auf die Couch legen soll, geht vollkommen unter. Joe, der neben mir sitzt, versteht sie und haut sich ab. Das wiederum Uwe und HP irritiert und sehen Joe streng an. "Um was geht's eigentlich?", fragt er mit US Akzent. "Er fragt, um was es geht?", schüttelt Uwe den Kopf. HP sagt entrüstet "Der Wein ist aus und er fragt um was es geht!". Ich steh auf, suche Ines, frag wo der Wein steht, nehme jeweils einen Roten und einen Weißen, gehe zurück in die Küche, stelle die beiden Flaschen auf den Tisch, sehe beide an und mit Grinsen sage ich "Aber ihr wissts scho, dass die Welt untergeht. Oder?". Verlegen lächeln beide. Uwe findet, dass es jetzt irgendwie seltsam ist und es besser wäre, wenn wir mal einen trinken. HP stimmt zu, Joe grinst während ich ein Wienerlied anstimme. "Stellts meine Ross in …".

Am nächsten Tag zeig ich ihnen Wien genauer und wir treffen uns … am Zentralfriedhof

© Tom C. Schopper