Mama? Ich kann es nicht.

Heute geh ich wieder zu ihr. Zu ihr ins Pflegeheim. Zu ihr, und ich hoffe, dass sie ihre klaren Momente hat. Wobei sie nach dem schweren Schlaganfall, der ihre komplette rechte Hirnhälfte ausgeschaltet hat, so etwas wie klare Momente nicht haben dürfte. Aber sie hat sie. Und wie immer, wenn ihre Momente klarer sind, werde ich sie wieder fragen. Werde ihre dünnen Hände nehmen und ihr die Frage stellen, die ich hoffte niemals in meinem Leben zu stellen.

"Mama? Mama, willst noch? Soll ich mein Versprechen einlösen? Mama?", frage ich sie auch heute. Jetzt. Hocke neben ihrem Bett, streichle ihre Hände und ich hoffe, hoffe, dass sie auch heute wieder "Nein, Bub", sagt.

Sie sieht mich an. Ich merke, dass sie nur mehr der eiserne Willen zusammenhält. So liegt sie ohne Aussicht auf Besserung und sieht mich an. Liebevoll. dazwischen gleitet ihr Blick durch mich hindurch und sie ist in ihrer Welt. Ich lasse sie dort, denn es scheint ihr dort (im Land der Vergangenheit) besser zu gehen. Streichle weiter ihre kraftlosen Hände, küsse sie, versuche meine Gefühle und die tiefe Trauer in den Griff zu bekommen. Auch heute will ich ihr Kraft geben. Ich merke wie sich meine Gedanken verlieren. Auch ich sehe alte Tage, Bilder und auch Szenen. Das Versprechen.

"Bist schon lang da?", reißt mich ihre dünne Stimme ins Jetzt zurück.

"Ja, Mama. Hab dich lieb Mama", sage ich, während ich mich vorbeuge und ihr den Mund abwische. Sie sieht mich an, will etwas sagen und noch bevor der erste Ton über ihre Lippen dringt, schläft sie wieder ein. Währenddessen zermartere ich mir das Gehirn. "Was wollte sie mir noch sagen?", frage ich mich, während ich ihre Stimme aus der Vergangenheit höre, als wäre es im Jetzt.

"Versprich mir das Thomas", sagt sie und ich kann es nicht. Sage trotzdem "Ja", weil ich mir sicher bin, dass der Ernstfall nie eintreten wird.

"Und jetzt?", höre ich meine innere Stimme, die mich aus der Projektion der Vergangenheit rausreißt. Ja, was jetzt? Was ist, wenn sie das Versprechen in mehreren klaren Momenten einfordert? Was ist Pflicht und was die Sünde? Wer bestimmt über Leben, wer darf und wer sollte niemals? Bin ich meinem selbst zusammengezimmerten nordischen Glauben verpflichtet, dann stehe ich im Wort der Mutter, oder nur ein überfordertes Einzelkind das zu viel denkt?

Sie wird wieder munter, sie streichelt meine Hand, ich küsse die ihre. Mit leiser Stimme sagt sie: "Thomas, ich hab dich lieb", dann schläft sie wieder ein. Ich decke sie vorsichtig zu, küsse ihre Wangen, sage ihr, wie sehr ich sie liebe und ihr für alles danke und gehe. In der Türe bleibe ich stehen und beginne zu weinen bis ich daheim angekommen bin, dort setze ich mich hin und beginne zu schreiben.

Dunkle Schatten seh ich huschen, wollen in mein Herz hinein, doch des Herzens klare Lieder, bringen jetzt die Liebe heim.

2 Wochen später ist Mama in einer besseren Welt. Täglich löse ich das 2. Versprechen ein und denke an sie.

Hoffe, dass die Lungenentzündung sie schmerzfrei hinüberbegleitet hat.

© Tom C. Schopper