Wäre ja schade.

Wien, warme Septembernacht, Geisterstunde überlebt, warte auf die 1. Nacht U-Bahn. 12 Minuten noch, Rauchverbot, schlurfende Schritte, den dazugehörigen jungen Mann als harmlos und dennoch betrunken eingestuft. Meine Aufmerksamkeit gilt wieder der Snorri-Edda, die ich in Händen halte. Aus den Augenwinkeln sehe ich den Mann wankend zur Bahnsteigkante gehen, wo er auch zum Stillstand kommt. "Wenn jetzt die U-Bahn kommt fliegt mir sein Kopf entgegen", denke ich mir und stehe schnell auf. Nicht zu schnell um den Schwankenden zu erschrecken und er dann auf die tiefgelegenen Gleise stürzt. Noch 2 Minuten, schnappt der Wartezeitanzeiger um als ich ihn langsam erreiche. In Griffweite lege ich meine Hand um seine Leibesmitte und ziehe ihn langsam einen Schritt zurück. Eines seiner Augen sieht mich fragend an. Ich erklär ihm das mit dem Sicherheitsabstand und sein Kopf schon auf BahnNiveau war. Überglücklich lallt er "Urvielen Dank, da wär ned viel überblieben von mir". Ich wart neben ihm bis die Bahn einfährt, dann übergebe ich ihn wieder seinem Schicksal. Beim Gehen sag ich zu ihm, weil er sich immer noch bedankt. "Wär ja schad um dich gewesen", und er beginnt breit zu grinsen.

Am nächsten Mittag muss ich in die Stadt, fahre mit der Badnerbahn bis Resselpark/Karlsplatz, steige aus und nähere mich der Busstation, die auf meinem weiteren Fußweg liegt. Ein Bus steht wartend links von mir in der Station, ich will vor dem Bus über die Straße gehen, schaue nach links … nach rechts schau ich nicht, da ich annehme es ist eine Einbahn. Gerade als ich über die Mitte der Fahrbahn treten will beginn der Busfahrer wie wild zu hupen. Voll Schreck mache ich einen Schritt zurück und sehe den Fahrer an. In diesem Moment spüre ich den Fahrtwind eines 14 TonnenBusses dicht an meiner rechten Wange vorbeirauschen. Der Windsog hinter dem Bus reißt mich fast auf die Fahrbahn, das Adrenalin fährt Schlitten mit mir. Mit weichen Knien schwanke ich zum Fahrer und will mich bedanken. Er öffnet sein Fenster, sieht mich lachend an "Wäre ja schad um Sie gewesen", und ich weiß jetzt genau wie sich dieser eine Satz anfühlt.

Voll Dankbarkeit gebe ich in der City einer Hilfesuchenden die Hälfte meiner Barschaft. 3 Euro und ein ehrliches, freundliches Lächeln.

Der anschließende Termin rennt bescheiden ab, bin zu wenig motiviert um Kunden für etwas zu gewinnen, an das ich selbst nicht glaube und Verkäufer bin ich auch keiner, da hätt ich schon meine Bücher und Geschichten verkauft. So gehe ich heim. Vergesse den Frust um den Zeitdiebstahl und hole mir schöne Bilder in den Kopf. (Nürchtet euch ficht, Schlussbild, hilft immer)

Daheim angekommen öffne ich den Brief, der im Postkasten war. Es befinden sich 120.- Euro von einem Freund darin. Er schreibt "Damit du wieder ein paar Bücher drucken kannst. Wär ja schade drum".

Wär ja schade

Was will mir das Universum damit sagen? Das man alles zurück bekommt?

Oder ganz einfach, dass es schade wäre, wenn man nicht an seine Mitmenschen denkt?

© Tom C. Schopper