Zerrissen.

Das Telefon läutet und das Spital Baden ruft mich an, meine Stiefmutter ist an den Folgen der ChemoTherapie verstorben. Ich soll asap kommen, denn bei meinem 82 jährigen Vater haben sie Parkinson moebius im Endstadium festgestellt. Er sitzt, da er seine Frau in den Tod begleitet hat, im Spital und braucht dringend wen, der sich um ihn kümmert. Natürlich komme ich sofort und sitze schon in der Badnerbahn als das Telefon abermals läutet. Meine Mutter wurde am WC sitzend aufgefunden, sie lebt kaum noch, schwerer Schlaganfall. Meine Gedanken fahren Achterbahn. Ich habe sie doch erst vor 2 Tagen gesehen und wollte heute wieder zu ihr. Ok, also zuerst zu Papa, dann zu Mama, oh, heute beginnt ja mein AMS Kurs. Sollen sie mir doch die Bezüge sperren, denke ich mir. Erst dann beginne ich zu weinen. Ernte ein "Gesindel", von der Dame die mir gegenübersitzt. Als ich im Spital ankomme, sitzt Papa apathisch im Rollstuhl. Er erkennt mich erst nach 1 Stunde. "Daumerl", sagt er als er mich erkennt und bemüht sich zu grinsen. Ich gebe mein Bestes und erwidere es. "Ich hol dich heim Papa", dann regle ich das mit den Ärzten, gehe die 5 Kilometer zu ihm nach Hause, hole sein Auto und bringe ihn dann nach Hause. Angekommen regle ich die mobile Notpflege und den ersten Termin beim Neurologen. Er hatte seine Krankheit wegen der Sorgen um seine Frau verschwiegen. Die Pflege trifft ein, sie passt, ich erklär ihr alles und renne zur BadnerBahn zurück, ab nach Lainz in die Neuro, dort wo sie Mutter hingebracht haben. Da sie, trotz meinen Bitten, nie etwas geregelt hat, überlege ich mir in der Bahn wie und wo ich die ganzen Vollmachten jetzt herbekomme, so bleibt wenig Zeit um mich selbst zu betrauern. Der OA in Lainz sagt mir, dass bei Mama der Ofen aus ist. Ich gehe zu ihr, sie liegt im Dämmerschlaf. Trotzdem sage ich ihr wie sehr ich sie liebe und renne anschließend zur Bahn.

So ging das über 1,5 Jahre. Hin und her, jeden Tag zu Mama dann in die Bahn 40km nach Baden zu Papa.

Mein Leben? Das Schreiben? Lach. Da Mama trotz gegenteiliger OA Annahme die Hände bewegen kann, selbst die Beine, tu ich alles um sie zur aktiven Mitarbeit bei der Therapeutin zu bewegen. Doch Mama ist Mama und die war schon immer stur. So konzentriere ich mich mehr auf Papa, der gute Fortschritte zeigt, sogar gehen kann er wieder. Wackelig aber doch. Zwischenzeitlich teilt mir Mamas Bruder mit, dass er Mama nach Deutschland bringt, an einen Ort den ich nicht wissen darf. Dafür hilft er mir nicht bei Mama oder dem Räumen der Wohnung, wo sich meine letzten Bandscheiben verabschieden. Auch die Amtswege, an denen ich fast zerbreche, muss ich alleine machen. Dafür hetzt er die germanische Familie auf mich. So fahre ich zu Papa, wie jeden Tag in den letzten 3 Jahren, ich hab ein seltsames Gefühl und renne von der Station zu seiner Wohnung.

Ich finde Papa, gewaschen und mit Sonntagsanzug im Bett sitzen. Seine trüben Augen sind kristallklar. Er ist tot und auf dem Zettel am Wohnzimmertisch steht "Ich bin so stolz auf dich Daumerl".

© Tom C. Schopper