Entschuldigung. Was ist eine gute Geschichte?

"Was ist eine gute Geschichte?", frage ich mich während ich dem Laptop böse Blicke zuwerfe. Zugleich hoffe ich, dass mich keiner gesehen hat, denn böse Blicke, nein, das geht ja gar nicht. So sitze ich im SchaniGarten des Cafes und bin den bösen Blicken des Kellners ausgeliefert, weil ich seit Stunden am halbvollen Glas Wasser herumsauge. In meiner Verzweiflung wende ich mich an das Pärchen am Nebentisch.

"Entschuldigung. Ihr seht so relaxiert aus, daher meine Frage aus dem Off. Was macht eine gute Geschichte aus?", frage ich halblaut die beiden Händchenhalter, die mich kurz verwirrt ansehen.

"Najo", sagt er und sieht seine Begleitung an. Es scheint ganz so, als würde er sich das ok von ihr holen um weiterzusprechen. "Na, das fängt ja super für ihn an", denke ich mir und Trümmer eines weit entfernten NLP-Kurses checken kurz die Lage, ob es eigentlich Sinn macht hier noch weiterzufragen.

"Aaalsooo", beginnt sie., während sie sich zu mir rüberbeugt. "Aalsoo, ich erkläre Ihnen das einmal", fährt sie fort und ich beginne mich etwas zu fürchten, denn es hat den Anschein als würde sie gleich über den Tisch kommen um mich mit ihren großen Brüsten zu erschlagen, die ihr halb aus dem Dirndl quellen. Ich bemühe mich gezielt in ihre Augen zu sehen.

"Eine gute Geschichte muss fesseln. Fesseln!", wiederholt sie laut und ich hoffe sie meint nicht mich damit. Nervös zupfe ich an der schmutzigen Tischdecke herum und versuche ihr weiter in die Augen zu sehen.

"Also sie muss spannend sein?", frage ich nach und versuche das Wording vom Fesseln wegzubekommen.

"Ja", sagt er leise und erntet sofort einen harschen Blick von ihr.

"Natürlich, sonst machts ja keinen Sinn", sagt sie und fährt fort. "Sie muss einen klaren Anfang, die Kerngeschichte und dann ein klares Ende haben!", spricht sie nun lauter, denn er hat schon wieder zum Reden angesetzt.

"Also klare Struktur und den Leser nicht zum Nachdenken verführen?", frage ich diesmal etwas leiser, denn ich bemerke die roten Flecken auf ihren Backen, die immer größer werden.

"Natürlich!", schreit sie mich fast an. Dabei bemerke ich wie ihr Partner langsam seine Hand aus ihrer nimmt und sich mit vor der Brust verschränkten Armen hinsetzt.

"Also, ich mag eher wenn ich Fragen am Ende einer Geschichte habe und denken muss", sagt er fast eingeschnappt und lehnt sich weiter zurück.

"So einer bist du!", stellt sie mit erhöhter Stimmlage fest, richtet sich die Brüste, die kurz vor der Freiheit standen und starrt ihren Partner an.

"Naja, jeder nach seiner Fassion. Der alte Fritz war ein kluger Mann", stammelt er und spielt sich mit dem leeren Glas Bier am Tisch vor sich.

"Nein, bei Geschichten kenne ich kein Pardon! Da braucht es klare Struktur und keinen Platz für Extrawürste!", schreit sie und ich weiß jetzt nicht wen sie damit meint. Vorsichtig klappe ich meinen Laptop zu, lege meine letzten 4 Euro auf den Tisch und schleiche mich langsam von dannen. Als ich den Ausgang erreicht habe, fliegen die ersten Gläser.

Ich gehe heim.

© Tom S. aus W.