Die Pfadfinderflutwelle.

"Heute fürchten wir uns nicht", rief der Pfadfinder, der die höchste Stellung des Pfadfindertreffens innehatte. Es war 1972. Trotzdem wusste ich damals schon, dass nach so einer Einleitung immer das Gegenteil geschehen wird.

12 Tage sollte das erste große Pfadfindertreffen für unsere Gruppe von 10 - 12 jährigen andauern. Unser Rekord lag bei 2 Tagen im Zelt, dann kamen immer seltsame gruppendynamische Prozesse in Gang, das hielten die bodenlosen Zelte, meist Dach aus Leinen und Boden keinen, nicht aus. Daher stand unsere Gruppe unter ständiger Beobachtung von den Größeren. Machte uns nichts aus, das kannten wir ja von unseren Müttern bereits.

In der Region Alland schlugen wir 100 Meter vom Ufer der Schwechat unser Lager auf. Da kann nix passieren dachten sich alle, ist ja weit entfernt. Der Boden in der Gegend des Sommerlagers war mit kleinen, etwa 5 Meter hohen Erdhügeln übersäht, überall nur hohes Gras, weit entfernt eine kleine Baumgruppe.

Wir mussten unsere 8 Zelte in einer kleinen Senke aufstellen, umzingelt von drei Erderhebungen auf denen die 6 Zelte der Großen standen. Damit wir unter Kontrolle waren. Der erste Tag lief ohne viel Action unsererseits ab. Gras umtreten, das bodenlose Zelt aufstellen, Wassergraben ausgraben und das Aufstellen des Gemeinschaftszelts, hatte uns müde gemacht und konnten das "Licht aus" Kommando kaum erwarten. So fertig war die ChaotenGang, der ich nur durch Zufall angehörte. In der Nacht hörten wir in der Ferne ein Gewitter grollen, wir hatten keine Angst, denn wer in einem bodenlosen Zelt auf einem kleinen Ameisennest schläft, hat andere Sorgen. Das Trommeln des leichten Regens auf dem Dach des 3 Mann Zelts ließ uns trotzdem schnell einschlafen.

Im Oberlauf der Schwechat, etwa 10 km entfernt, gingen gegen 2 Uhr morgens schwere Gewitter ab. Bei uns war es bis auf kleinere Nieselregen trocken geblieben. Die Flutwelle, welche die Schwechat vor sich hertrieb war an der Stelle wo sich unser Sommerlager befand über 3 Meter hoch gewesen. Die Überschwemmung erfolgte noch bis weit über unser Zeltlager hinaus. Von 24 Zelten standen nur mehr die 6 der Großen.

"Heute fürchten wir uns nicht!", hallt es gegen das Rauschen des Wassers. Aber es hallt ins Leere, wir werden weggespült, ein Teil kann sich auf die kleinen Hügel retten, ich hingegen kenn mich nicht mehr aus. Es donnert und rauscht von überall, mit großer Kraftanstrengung kann ich mich von der zerrissenen Zeltplane trennen. Obwohl ich ein guter Schwimmer bin, reißt mich die Strömung mit. Luft bekomme ich nur, wenn ich auf einem Wellenberg bin. Im Vollmondlicht sehe ich die Gischtwand auf die ich genau zusteuere und höre zu schwimmen auf, weil mich die Angst lähmt. So tauche ich in die weiße Gischt ein, die sich um die kleine Baumgruppe gebildet hatte, das folgende scharfe Kehrwasser zieht mir die Hose aus und ich halte mich an einer Birke fest bis mich die Freiwillige Feuerwehr Baden rettet.

Seitdem campe ich nur auf Erhöhungen, mit Reservehose.

© Tom C. Schopper