Eiskaltes Glück.

Ich steh am Ufer der Salza und bevor ich mich fragen kann was ich da eigentlich mach, drückt mir mein Bergkamerad Franz, ein Paddel in die Hand, dann führt er mich zu einem Kajak, klopft mir aufmunternd auf die Schulter und mit einem ernsten Gesichtsausdruck meint er "Heuer ist noch keiner gestorben. Bist a Glückskind".

Ich versuche mich aufs Jetzt zu konzentrieren.

Spritzdecke angelegt, erst nachher erklärt bekommen, dass es nass besser funkt. Wutanfall bekommen. Ins Boot rein, Decke fixiert und Trockenübungen. Wie Aussteigen, Paddelstützen, Schenkeldruck und Bootausleeren. Dann stellt sich Franz vors Kajak, in dem ich noch sitze, grinst mich komisch an. "Bist bereit fürs Wasser?", fragt er mich, während ich die 7 Meter hohe Böschung hinunterblicke und die schnell dahinfließende Salza sehr skeptisch begutachte. Da ich nicht antworte, weil ich noch meinen Mut suche, zieht er mich in die Böschung und es geht dahin. Das langgezogene "Schaaaaa …", verstummt beim Eintauchen ins eiskalte Wasser schlagartig. Mich fetzt es nach hinten, dass ich glaub das Kreuz reißt mir ab und dennoch muss gepaddelt werden. Aber nicht lange. Es blubbert und gurgelt überall um mich herum. Notausstieg, geht mir noch durch den Kopf und ich presse das Knie gegen die Spritzdecke und sie geht auf. Gibt mich frei. Als ich auftauche, klammere ich mich ans Boot fest und bemerke, dass das eh alles nicht so arg ist. Packe das Kajak, ziehe es schwimmend ans Ufer. Hier ist das Wasser nicht so wild, eigentlich harmlos. So lerne ich das Bootsausleeren richtig, später dann das Halten im Kehrwasser und eskimotieren. Alles was man so braucht um im WW 2-3 Spaß zu haben. Ich lerne schnell und der Vormittag vergeht abenteuerlich.

Am Nachmittag fahren wir vom Camingplatz bis nach Fachwerk. Diesmal fährt Franzens Frau Anita mit mir. Sie geht liebevoller mit mir um. Erklärt mir Paddelzeichen, weil es eine ungute Stelle, kurz vor dem Ausstieg in Fachwerk gibt. Da ist eine Insel dort müssen wir uns unbedingt links halten, weil rechts durchs ablaufende Hochwasser mit Baumstämmen verblockt ist. Ich sehe kein Problem, bin ja ein Naturtalent.

Kurz bevor wir die verblockte Stelle erreichen, bemerke ich, dass mein Kajak schwer zu steuern ist. Ich wende das Boot und versuche mit einer Seilfähre ins letzte Kehrwasser zu kommen. Entdecke den breiten Riss auf der Spritzdecke und fühle das viele Wasser im Boot. Ich bemerke, dass Anita laut zu schreien beginnt. Das Kajak wird immer schwerfälliger.

Ich schaffs nicht das Boot wieder zu wenden und steuere verkehrt auf die Verblockung zu.

Mein Methan entweicht spontan und meine Nackenhaare stellen sich auf. Während mein Herz zu rasen beginnt, spüre ich den 1. Einschlag der Bäume am Helm, der 2. drückt mich brustlings aufs Kajak, tauche samt Boot unter, werde quer ausgespuckt und eskimotiere bis mich Anita aus dem Wasser zieht.

Später sehen wir uns die Stelle an und ich kann mein Glück nicht fassen.

Warum sag ich eigentlich ich bin ein Pechvogel?

© Tom C. Schopper