Mama, ich war ein Mensch.

Sie nimmt mich in die Arme, tröstet mich, sagt mir, wie sehr sie mich liebt. Ich habe kein Gefühl mehr in meinen Beinen, kann kaum gehen, mich auch nicht setzen … sie stützt mich und trocknet meine Tränen. Nimmt meine klammen Hände und streichelt sie. Ich schließe meine Augen und weine noch mehr.

"Alles wird gut Thomas", sagt sie und ich glaube ihr nicht. Es bleibt mir aber nichts über. Innerlich rufe ich nach Papa, doch er ist auf Geschäftsreise im Ostblock unterwegs. Ich möchte in seine Firma fahren und ihm von dort ein Telex schicken, dass ich ihn jetzt brauche, aber ich kann es nicht. Denn er fährt nachher ja wieder weg und ich bin alleine. Sie legt mich ins Bett und sagt, dass sie mir einen Kakao macht, den ich ja so gerne trinke. Ich nicke, was anderes bleibt mir ja nicht über, denn sonst kommt sie statt dem Kakao mit dem Teppichpracker, so liege ich still und massiere meine Knie, die vom stundenlangen Strafknien wund und gefühllos sind. Ich zucke zusammen als sie das Kinderzimmer betritt. Sie fragt mich was ich denn habe. "Ich spüre meine Beine nicht Mama", sage ich ihr und verstecke mich unter der Decke, denn ich glaube nicht, dass ihr hysterischer Anfall schon vorbei ist. Sie setzt sich an mein Bett streichelt meinen Kopf und meint, dass ich mich zusammenreißen soll, denn sie hatte in meinem Alter (10) zusätzlich noch auf Erbsen und Kieselsteinen knien müssen, daher bin ich ja eigentlich ein Glückspilz. Ich kann mein Glück gar nicht fassen. Ich bekomme den heißen Kakao nicht herunter.

Eine Stunde später, kommt sie wieder, reißt ohne klopfen die Glastüre auf und meint, dass es jetzt Zeit fürs Lernen ist. So krieche ich aus dem Bett, lasse mir die Schmerzen nicht anmerken und setze mich an den Esstisch, wo sie schon alles vorbereitet hat. Heft liegt offen, Aufgabenheft daneben und die Füllfeder auf dem Heft. Mein Sessel ist schon bereit, ihrer steht daneben, voller Panik starre ich auf das Löschblatt, das auf ihrer Seite liegt. Ich setze mich und beginne die erste Zeile zu schreiben, dann muss ich mich ordentlich zurücklehnen und sie kommt, einem Gespenst gleich, mit dem Löschblatt in der Hand und trocknet die Tinte ab, dann darf ich weiterzuschreiben. Bei Fehler kommt Mamas liebend Hand und streichelt mein Gesicht, mit zu viel Anlauf, wie ich meine, aber es ist ja Mama, die sagt, dass sie mich liebt. So lerne ich, brav sitzen, roboterartig zu funktionieren und die Goschen zu halten. Ich bin ja nichts wert, wie sie in ihren Anfällen immer sagt. Daher muss ich immer brav sein, damit die Nachbarn nicht bös reden. Sie hat noch andere Methoden drauf.

Kurz bevor sie 48 Jahre später ihren Schlaganfall hat, nimmt sie mich in ihre Arme (Donnerstags, denn da fahre ich sie ja immer einkaufen), und entschuldigt sich bei mir. Endlich denke ich mir. Sie aber entschuldigt sich für das Schütteln als ich noch ein Baby war. Den Rest erwähnt sie auch nicht als ich sie darauf anspreche. Aber nun weiß ich wenigstens warum ich als Kind schwere Sprachstörungen hatte.

Danke Mama.

© Tom C. Schopper