Nürchtet euch ficht!

"Ab 40 beginnt die AltersWeisheit.", sagten sie. Anscheinend kannten sie mich nicht. Ich, der beschlossen hatte, mit 43 die Ausbildung zum staatlich geprüften Raftguide auf Salza und Enns zu machen. Diejenigen , welche mich nicht kannten, meinten: "Jo, eh. Träum weiter", im Gegensatz zu denjenigen, die mich kannten: "Das kann ja heiter werden. Die armen Bären in den Kalkalpen".

So landete ich April 2004, bei klirrender Kälte und Schneefall, in Wildalpen. Ich muss dazu sagen, dass ich bereits ein erfahrener Pechvogel war, der mit diesen Wetterbedingungen gerechnet hatte. Über einen WildwasserVeranstalter aus Wildalpen lernte ich Strohli kennen. Ein Haudegen und WW Spezialist erster Sahne, der mir mit seinem Team alles beibringen sollte. Ich muss dazu sagen, dass ich im Kajak schon 20 Jahre Erfahrung im Wildwasser ins nahende Missgeschick mitbrachte.

Die erste Woche der Ausbildung war überraschenderweise ohne Tragödien abgelaufen. Der Wasserstand war auf 2,80 m gesunken (noch immer viel!), wir übten das Umkippen des Rafts inklusive dem Retten der ehemaligen Bootsinsassen und Rettungen. Praktisch natürlich. Auch das überstand ich, ebenso die 2. Woche. Hier fuhren wir täglich um die 80km im Wildwasser und trugen das 50kg schwere GummiRaft mindestens 2 km weit. Da mein letztes Geld für Ausbildung und Prüfung draufging, schlief ich, zusammen mit 6 Kollegen, outdoor. Das Frühstück/Abendessen verdiente ich mir mit Geschichten erzählen oder aufräumen. Ganze 2,5 Wochen lang hielt dieser Zustand des warm ups, an.

Dermaßen ausgemergelt und dennoch motiviert trat ich im Mai 2004 zur staatlichen Prüfung an. Es war strahlend blauer Himmel. Sonnenstrahlen, die vom Schnee reflektiert wurden und das wildromantische Umland noch märchenhafter beleuchteten. Kein Wind am Fluss und warme 6 Grad Außentemperatur. Wir, zwei behördliche Prüfer, fünf Prüflinge und einer der besten WildwasserSportler, mit rosa Helm, saßen in einem Boot. Von uns fing der Erfahrenste an, damit er die erste arge Stelle, CampingplatzWalze und große Prallwand, machte. Nach etwa 5 km, Höhe StrohliCamp, wechselte die Bootsführung an eine junge Frau aus Salzburg, die immer sehr nervös war. Natürlich fieberten wir mit ihr mit und glichen einige Stellen selbständig aus. Der Nächste war ich.

Einleitend möchte ich noch erwähnen, dass ich bei PrüfungsAngst zur unkontrollierten Legasthenie neige.

Wir fuhren mit einem eleganten: "Alle vor!", der Strömung entgegen und steuerten genau auf den breiten Hauptstrom zu. Jetzt noch das richtige Kommando und alles ist jut. "Rinks vor! Lechts zurück!", und wir landeten im nächsten ufernahen Busch. Der Schnee rieselte davon herab. Direkt auf Cs Helm, der dann nicht mehr rosa war. Die ersten 2 Reihen sahen aus wie nicht fertig gebaute Schneemänner, mit dem Blick zu mir gewandt.

Und genau DIESES Bild sehe ich vor mir, wenn ich wieder einmal im worst case stecke. Ich lache und bin frei.

Ja, die Prüfung habe ich bestanden.

© Tom S. aus W.