Die etwas andere Weihnachtsgeschichte.

"Wie machst du das? Warum leben sie so lang bei dir?", wurde ich immer gefragt. Meine Antwort war und ist heute noch ein geheimnisvolles Grinsen. Ich meine: Hallo, warum soll ich meine besten Tricks verraten? Meine Taktik ist dabei so simple, so banal. Dazu die feinste Geschichte.

Ich suchte mir mein weihnachtliches Opfer wie immer sehr früh aus. Im Gegensatz zu den meisten Mitbürgern mit ähnlicher Neigung, sperrte ich ihn nicht gut eingepackt in den eiskalten Keller, sondern platzierte ihn in einem kühlen Raum in meiner kleinen 2 Zimmer Wohnung. Ungefesselt und dennoch an die Wand gekettet, damit er nicht umfallen konnte. Es gibt echt nichts Schrecklicheres als wie wenn die Dinger umfallen, der Lärm, die ganze Sauerei vom klebrigen Zeug, das aus ihm austritt, welches man nie wieder ganz wegbekommt. Damit es ihm gutgeht, bin ja kein Unmensch, stellte ich ihn zu einem Fünftel in lauwarmes Wasser hinein. Man will ja nicht, dass er verdurstet, schon vor dem Opferfest traurig aussieht und für die große Freude nicht mehr zu gebrauchen ist. Ich auf jeden Fall nicht.

So vergingen die Tage, Wochen und jeden Tag sah ich mit einer gewissen kindlichen Vorfreude nach ihm. Streichelte ihn und füllte sein Wasser gut nach. Manchmal redete ich sogar mit ihm, sagte ihm, wie sehr ich mich auf diesen einen besonderen Tag freue. Er blieb immer stumm. Ich nahms nicht persönlich, denn seine Tage waren gezählt.

Am Tag vor dem Fest, kettete ich ihn los, als er dabei in meine Arme fiel, wiegte ich ihn kurz hin und her, dann schnappte ich ihn an seinem Zipfel und trug ihn in mein Wohnzimmer, dort rammte ich ihn in ein großes ehernes Behältnis, gefüllt mit Wasser auf den Eisenpfahl. Er gab keinen Laut dabei von sich. Auch nicht als ich ihn mit Klammern, an deren Enden sich mittelgroße Kerzen befanden, bestückte. Zum Abschluss setzte ich ihm ein glitzerndes Hütchen auf. Auch das ertrug er still. Dann kam der Tag des Festes. Ich behängte ihn außerdem noch mit bunten Kugeln, zusätzlich setzte ich die Kerzen in Brand, ging anschließend zu meinem Lieblingssessel und sah ihn mit vor Freude tränenden Augen an. Ich erinnerte mich an die vorhergegangen Feste und packte in stiller Demut das Packerl mit den selbst gemachten Keksen aus und sang mampfend dazu freudige Lieder. So verging unser Fest. Er überlebte auch den Tag der Hl. 3 Könige, so wie am ersten Tag unseres Aufeinandertreffens.

Auch Wochen und Monate danach steht er aufrecht, wie am ersten Tag. Ich erfreue mich bis MITTE AUGUST an seiner ungebrochenen Pracht. Ergötze mich an seinem Schmuck. Dann kommt ein Freund zu mir, geschockt meint er, dass er so etwas noch nie gesehen hat und erst wiederkommt, wenn ich ihn entfernt habe.

Es ist kurz nach Mitternacht. Ich schleiche mich im Schutz der Nacht zu den Mistkübeln und stelle ihn daneben hin. Als ich gegen Mittag in die Arbeit fahre sehe ich den Menschenauflauf. Alle staunen und bewundern meinen Christbaum der voll Lametta mit allen Nadeln stolz in der Ecke steht.

Frohe Weihnacht

© Tom C. Schopper