Unerwartete Freiheit.

Ich werde von den Eindrücken erschlagen.

Stehe mitten in den Voralpen, mein Blick ist auf den mächtigen, noch immer mit Schnee bedeckten Hochschwab gerichtet. Mir wird schwindelig, drehe mich um und sehe den Oberlauf der Salza. Trinkwasser, mittelhohe Berge, deren begrünte Geröllfelder das gegenüberliegende Ufer bilden. Wildromanisch, ungeregelt und dennoch fehlt mir die Luft zum Atmen. Zu viele sagenhaft schöne Eindrücke für mein einfaches Gemüt. Ich schließ fast aus Selbstschutz meine Augen. Die Sonne scheint in mein faltiges Gesicht, scheint die tiefen Gruben auf meiner Stirne durch die Wärme wegzubügeln. Dennoch spüre ich dieses Erschlagenwerden tief in meiner Brust. Zu kitschig und surreal wirkt diese wunderbar schöne Natur auf mich Städter. Zu still alles um mich herum. Ich höre vergangene Stimmen. In meinem Kopf geht es drunter und drüber. Tief vergrabene Probleme tauchen wie aus den Nichts auf. All die Ungerechtigkeiten und Verarschungen durch unkompetente Ärzte und Beamte.

„Passt ja hervorragend“, denke ich mir, denn statt Entspannung, die ich mir durch den Besuch der Berge versprach, spüre ich nur den Druck auf meiner Brust und das Durcheinander der Stimmen immer stärker werden. Kann ich denn nirgends mehr zur Ruhe finden? So reiße ich meine Augen wieder auf, sehe sofort die kleine schneeweiße Wolke, die wie hingemalt vor dem mächtigen Hochschwab schwebt. Alles dreht sich in mir und gehe, noch benommen, wie ich gerade bin, zum Auto zurück.

Nach nur wenigen Schritten stolpere ich und lande bäuchlings in der Sommerwiese. Ich bleibe liegen, weil ich es so will. Will meine Unruhe in mir weiter bedauern, dem Universum erzählen, dass ich es so nicht lustig finde, mitten in der schönsten Natur den Kopf nicht frei zu bekommen und erwarte eine weitere Ungerechtigkeit, wie einen Bergsturz, einen AlpenTsunami oder Adlerattacke. Wider Erfahrung und Erwartung bleibt all dies aus und ich öffne vorsichtig meine Augen.

Ich sehe die Gräser, in denen ich liege, direkt vor mir. Nehme die Bienen, die auf der Suche nach dem Nektar der Blüten sind, wahr. Sehe Ameisen, die viel zu schwere Dinge tragen. Ich schaue plötzlich genau auf die kleinen Dinge. Sehe Lichtstrahlen durch die blühenden Gräser dringen. Rieche frisch geschnittenes Gras. Nehme den Geruch des Waldbodens intensiv wahr und lausche. Lausche der Ruhe, die sich schlagartig in mir breitmacht.

Stille.

Ich bleibe mitten in der saftigen Sommerwiese liegen und nehme so den Mikrokosmos in und um mich herum wahr. Bin nicht mehr der depressive Betrachter, sondern ein Teil dieser wunderbaren Natur.

Endlich.

Erst der nahende Mähtraktor des Bergbauern holt mich wieder aus meiner totalen Tiefenentspannung heraus.

„Hearst Gerti, schau dir moi das seltsame Reh da an!“, höre ich den Traktorfahrer seiner kleinen Tochter zurufen, die neben dem Ding geht um einen kleinen Blumenstrauß zu sammeln.

Wie recht er doch hat, denke ich mir, erhebe mich und winkte den beiden freudig zu.

© Tom C. Schopper