4 Kinder und 9 Stunden Finsternis.

Warnung: Diese Geschichte kann besorgte Eltern noch mehr verunsichern.

Robert, Norbert, Günter and Ei. Im Alter von 10 bis 11.

Wir 4 hatten in den frühen 70ern etwas gemeinsam. Enthemmter Abenteuersinn mit Hang zu jeder Menge Fantasie … und wir lebten alle in einer neugebauten Wohnhausanlage am Rande des 23. Bezirks, fast direkt in einem Auwald, inklusive einer mächtigen 5 stöckigen Ruine einer Brauerei die optisch das komplette Umfeld dominierte.

Hier gabs alte LKWs aus dem letzten Krieg die still vor sich hinrosteten, alte Stahlhelme, alte Munition und tiefe unterirdische Bunker, zumindest die Zugänge davon.

Was soll ich sagen? Wir forschten viel und verletzten uns täglich. Auch deshalb wurden unsere Zusammenkünfte durch strenge Bestrafung, wie Hausarrest, immer seltener. So hatten wir einen genauen Plan, wenn es um die Erforschung der großen Ruine ging, entwickelt. In den oberen Stockwerken hatten sich schon KinderGangs aus anderen Siedlungen breitgemacht. Es bleib nur mehr der Gang nach unten, wo sich die Großen rumtrieben. 6 Wochen dauerte es bis wir unsere Hausarreste soweit synchronisiert hatten, dass sich ein gemeinsames ZeitFenster zum Deppertsein auftat.

Treffpunkt war 9 Uhr beim Bach, der vor der Ruine träge floß. Jeder hatte seine Beschaffungsliste. Robert besorgte Kreide und Seil, Günter den Proviant (Schokolade und Kaugummi), Norbert die Bewaffnung (Pfeil und Bogen) und ich das Licht (Taschenlampe). So standen wir pochenden Herzens und mit zitternden Knien vor dem schwarzen Loch, das in die unbekannte Tiefe führte.

Lasciate ogni speranza, voi ch`entrate!

Aber statt Höllenfeuer schlug uns modriger, eiskalter Wind entgegen. Wir traten dicht nebeneinander gehend in die mit Schutt, Spinnweben und alten rostigen Maschinen übersäte Unterwelt. Keiner von uns wagte es Angst zu haben. Robert motivierte sich, indem er bei allen Abzweigungen im tiefen Ziegelsteingewölbekeller böse Worte an die Mauern schrieb. Norbert murrte rum, weil gar keine Indianer da unten waren und Günter wunderte sich, weil seine neue Hose noch immer sauber war. Ich hatte sie voll. Dies waren unsere Sorgen bis nach 2 Stunden forschen in tiefer Finsternis, der schwache Leuchtfinger meiner Taschenlampe zu zucken begann und ausging.

In einer stockdunklen Halle im Nirgendwo beschlossen wir zu warten bis wer von den Großen kommen würde. Jeder wollte sich Mut machen indem er arge Horrorgeschichten erzählte, so entstanden in meinem Kopf die ärgsten Bilder, jedes Geräusch wurde von Vampiren verursacht. In den Köpfen meiner Freunde muss Ähnliches vorgefallen sein, denn als wir abends von der Bande der Großen gefunden wurden, um uns zu prügeln, weil wir in ihr Revier eingedrungen waren, liefen wir den Strahlen ihrer Taschenlampen entgegen und fielen über sie her. Die Monster.

Danach gehörte die ganze Ruine uns. Und wir hatten 1 Jahr Hausarrest, außer Robert, der hatte Küchendienst.

Seitdem hab ich nur Horrorgeschichten im Kopf.

© Tom S. aus W.