Ziege, die auf Männer starrt.

Warnung: Besorgte Eltern und normal denkende Menschen, bitte nicht lesen.

Begonnen hatten meine besorgniserregenden Fahrkünste im Alter von 10 auf dem Zuckerrübenfeld in Au am Leitha Gebirge im Ford Taunus GXL V6, im Winter natürlich. Dort lernte ich Einparken, driften und Bremsen auf Eis und Schnee.

Meine erste Fahrt auf einem Ding das genau 2 Evolutionsstufen unter dem Begriff Strasse lag, absolvierte ich mit 12, von Kattowitz nach Krakau. Damals noch weit hinter dem eisernen Vorhang. Besonders die unbeleuchteten Pferdefuhrwerke bei meiner ersten Nachtfahrt, waren ein Abenteuer für sich, ebenso Autos, die sich beim Beschleunigungsversuch gänzlich einnebelten.

Ein Jahr später durfte ich mit dem Volvo 264 GLE meines Vaters im tiefsten Mazedonien für einige Kilometer das Steuer übernehmen. So fuhr ich mit dem schwankenden Ungetüm noch tiefer in den Süden, Richtung Skopje. Das bauliche FortbewegungsWunder unter den Rädern des tapferen Schweden, bestand mehrheitlich aus Bitumen, Schotter und Mutter Natur. Ab und zu querte ein kleiner Bach, von den unzähligen Schafweiden kommend, den Weg. So kam es, dass hinter einer engen Rechtskurve eine Schafsherde die gesamte Straße blockierte. Gerade noch vor dem ersten Schaf kam ich zu stehen und war froh, dass Papa mich nur mit den ersten 3 Gängen fahren gelassen hatte.

Die Herde teilt sich, der etwa 10 jährige Hirte will Zigaretten dafür. Ich fahr ganz langsam weiter, grad als ich durchatme springt von rechts kommend die große Ziege auf die Motorhaube hinauf, ich denk mir auf der folgenden Geraden wird sie schon runterhupfen, sie aber bleibt, dreht sich um und es scheint mir, dass sie mich böse ansieht. Ich schau Papa verzweifelt an, er meint aber nur "Du hast es im Griff, gib der Ziege keine Zigaretten", ich geh natürlich vom Gas und lasse den großen silbernen Wagen langsam ausrollen. Die Ziege springt sofort auf der linken Seite herunter, geht Richtung Fahrertüre, bleibt einen halben Meter davor stehen und starrt mich an.

"Papa?", frage ich, ohne den Blickkontakt mit der Ziege zu unterbrechen. Es scheint, dass sie sich überlegte, den Wagen zu rammen, sich zu bedanken oder bis zum Ohridsee mitzufahren. "Hast gut reagiert", antwortet er ohne meine Frage abzuwarten. "Du hast gesagt, dass ich bis zum ersten Wegweiser nach Ohrid fahren darf und wir dann wieder wechseln. Stimmt das so, Papa?"

"Ja, genauso", antwortet er ruhig und beugt sich auf meine Seite herüber, damit er die starrende Ziege auch sehen kann.

"Schau. Da vorn ist das Wegtaferl, die Ziegn siehst eh selber, ich kann ned aussteigen. Was mach ma? Darf ich bitte weiterfahren?"

Mein Vater bekommt einen Lachanfall, "Gut, aber nur mit den ersten zwei Gängen, auf die 3. schaltest nicht", antwortet er, nachdem er tief durchgeatmet hatte. Ich zwinkere der Ziege zu, sie määäähht und geht.

Seitdem weiß ich, die Gehörnten sind auf meiner Seite.

PS: Auf der Heimfahrt haben wir in Serbien eine Wildsau gerammt, aber da ist Papa gefahren.

© Tom C. Schopper