Die nahezu perfekte Wandertour

Mein Studienkollege war ein ebenso begeisterter Bergwanderer wie ich. Und so fuhren wir in den Semesterferien nach Krün, denn von dort aus wollten wir ins Karwendel. Als wir aufbrachen, verhießen näherkommende dunkle Wolken nichts Gutes. Trotzdem machten wir uns an den Aufstieg zum Soiernhaus. Über der Waldgrenze wurde es alpin. Es folgte nämlich der drahteilgesicherte "Lakaiensteig". Dieser Name rührt daher, dass die Soiernhäuser früher ein Jagdschlösschen von König Ludwig II. von Bayern waren. Und wenn er dort hinkam, transportierten seine Diener, die Lakaien, die Ausrüstung.

Unter uns toste ein Wildbach; und die Soiernspitze (2259 m) rückte immer näher. Schließlich sahen wir sogar seitwärts über uns eine Gams stehen. Es sah aus als als wolle sie zu uns sagen: "Willkommen in meinem Reich!"

Mit Erreichen der Hütte begann es zu regnen. Es folgte ein heftiges Gewitter, das etliche Stunden anhielt. Laut hallten die Donnerschläge von den Felswänden wider. Trotzdem schliefen wir irgenwann ein.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, aber über den Gipfeln hingen noch Restwolken. Nach dem Frühstück ging es dem ersten Ziel entgegen. Türkisblau schimmerten die beide Soiernseen. Und am Weg hatte es- viele Bergsalamander. Ich hatte von diesen kleinen, schwarzen Lurchen bis dahin nur gelesen gehabt. Bei Trockenheit verstecken sie sich unter Steinen oder zwischen Wurzelwerk. Aber nach einem Gewitterregen kommen sie hervor. Dies waren jedoch nicht die einzigen Bergtiere, die wir sahen. Wenig später sprang nämlich in einer Mulde direkt vor uns ein Gamsrudel auf und floh zur nächsten Felswand. Wahrscheinlich waren wir gegen den Wind gekommen, sodass uns die Tiere erst im letzten Augenblick bemerkt hatten.

Bald erreichten wir die Soiernspitze. Die hohen Karwendelgipfel waren teilweise immer noch in Wolken gehüllt. Doch als wir einige Stunden später die 2050 m hohe Schöttelkarspitze erreichten, war alles frei. Nun sahen wir die ganze "Karwendelprominenz" vor uns aufgereiht: Von der Lamsenspitze bis zur Solsteingruppe. Und auch das Wettersteingebirge schickte einen Gruß herüber.

Im Rückblick denke ich: Das war die annährend perfekte Bergfahrt: mit einem schönen Hüttenaufstieg, einer urigen Berghütte und einem Gewitter, das am nächsten Morgen vorbei war, uns aber half, die Bergsalmander zu beobachten. Gämsen gab es noch obendrauf. Und die Landschaftsbilder dieser Wanderung waren noch optimaler aufeinander abgestimmt als die Kulissen der einzelnen Szenen eines immer spannender werdenden Theaterstücks: Zuerst Bergwald, dann Almgelände, gefolgt von dem abenteuerlichen Weg über der Schlucht. Danach der Felsenkessel mit der Hütte, den Seen und der majestätischen Bergumrahmung. Und schließlich die beiden durch einen Grat verbundenen Gipfelziele mit ihrer einzigartigen Aussicht.

Das war nicht nur Theater, das war vielmehr ein Stück "ganz großes Kino" in meinem Lebensfilm. Und mein Regisseur dabei ist Gott.

© Tom63