Die schönsten Bilder sind die Erinnerungen

Ich befand mich auf der Rückfahrt von einem Kurzurlaub in Südtirol. Und wenige Kilometer vor der Abzweigung Richtung Imst- Fernpass geschah es: Mir fiel ein, dass ich mal als Kind auf einem Bauernhof bei Schwaz einen schönen Urlaub verbracht hatte. Wir hatten im Stall helfen dürfen. Der Bauer hatte uns einige Male auf dem Traktor mitgenommen. Wir waren ein wenig gewandert. Und außerdem gab es kaum einen Bach, dem wir nicht durch unsere Staudämme zeitweilig das Wasser abgedreht hatten.

"40 Jahre ist das jetzt her!" dachte ich weiter. "Und mich würde doch interessieren, was in so vielen Jahren aus diesem Bauernhof geworden ist."

Ich erreichte den Autobahnknoten und ordntete mich in Richtung "Kufstein" ein. Gespannt fuhr ich weiter und erreichte bald die Ausfahrt "Schwaz". Wenig später begüßten mich auch schon die ersten Häuser des nächsten Ortes. Ich fand die Abzweigung, die ich nehmen musste, um das darüberliegende weitläufige Hochplateau zu erreichen. Bald war ich da.

Nun kam mir doch alles wieder ziemlich bekannt vor: Die hellen Wiesen, die verstreuten Bauernhöfe, der dunkle Bergwald und die dahinter jäh aufschießenden Karwendelfelsen. Mancher Abendspaziergang über diese Wiesen tauchte vor meinem inneren Auge wieder auf. Und außerdem begann ich mir auszumalen, ob die Bäurin von damals noch am Leben war. Sie hatte mich damals als kleinen Jungen sehr gemocht. Und würde sie nun vielleicht sogar herauskommen und sagen: "Jo des is jo da klaa Thomaserl?"

Mit diesen Gedanken erreichte ich den Hof; war mir jedoch nicht gleich sicher, ob ich hier überhaupt richtig war. Das Haus sah etwas heruntergekommen aus. Wo früher der Gemüsegarten war, wuchterte nun das Unkraut. Genauso wie auf dem Vorplatz, auf dem wir früher Federball gespielt hatten. Die Wiese, über die ich früher barfuß getobt war, war mit Brennnesseln zugewachsen. Und am und im Haus war es so ruhig, dass ich mich fragte, ob da überhaupt noch jemand wohnte.

"Ich hätte nicht herkommen dürfen!" schoss es mir durch den Kopf. Aber das konnte ich nun nicht mehr rückgängig machen. Ziemlich traurig fuhr ich ab.

Da kam ich unten im Ort an dem Gasthof vorbei, in dem wir früher oft gegessen hatten. Und weil gerade Mittagszeit war, beschloss ich da einzukehren. Dieses Erlebnis hellte meine Stimmung wieder auf. An den Räumen hatte sich nämlich seit damals kaum etwas verändert. Sie waren hell und freundlich, und sehr freundlich war auch die Bedienung. Und da schönes Wetter war, konnte ich im Freien sitzen und da den guten Grillteller samt zwei Hefeweizen in vollen Zügen genießen.

Auf der Weiterfahrt fasste ich die Erlebnisse der vorangegangenen Stunden innerlich nochmals zusammen; und meine Bilanz ist hier bis heute: Es waren schöne Tage in Südtirol. Es war ein gutes Mittagessen in dem Gasthof, den ich wiedererkannt hatte. Aber die schönsten Bilder sind die Erinnerungen, die wir in uns tragen. Und manchmal sollte man es auch bei diesen Bildern von damals belassen.

© Tom63