Eine Lanze für die hohen Zweitausender

Dreitausender haben für manche Bergsteiger geradezu etwas Magisches an sich. Ganz anders sieht das aber bei den Bergen aus, die diese Grenze knapp verfehlen, also 2900+ x Meter hoch sind. Sie werden oft mit einer abwertenden Handbewegung bedacht. Und außerdem bekommen sie bei manchen den gedanklichen Stempel "Lohnt sich nicht."

Als wir mit der Familie wieder einmal in "unserem" Südtiroler Hochtal waren (ich war inzwischen 20 Jahre alt), waren mir solche Gedanken noch ziemlich fremd. Der Freund meines Vaters mit Familie war auch wieder da. Also waren wir wieder das bewährte Trio- das sich jedoch bald zum Duo reduzierte, da mein Vater Fußprobleme bekam.

Also brach ich eines Tages nur mit dem Freund meines Vaters auf. Unser Ziel war dieses Mal die Klopaierspitze (2918m). Dieser Gipfel, der den westlichsten Eckpfeiler der Ötztaler Alpen darstellt, war schon lange unser Traumziel gewesen. Eines Morgens stiegen wir vom Weiler Pedroß unserem Ziel entgegen. Zuerst ging es durch Bergwald steil empor. Vom Gipfel war da noch nichts zu sehen. Es folgte Almgelände mit weidenden Kühen. Danach kam eine Mulde mit einigen Bergseen und wunderschönen Blumen. Und als wir sie hinter uns hatten, kam die Klopaierspitze in den Blick: Eine formschöne Pyramide- erhaben und groß. Nun begann der schweißtreibendste Teil des Anstiegs, weil wir uns in der Südflanke befanden. Am Schluss kam sogar eine Rinne, in der geklettert werden musste. Und einmal mussten wir sogar einem möglicherweise von Gämsen losgetretenen Steinhagel ausweichen. Das Abenteuer gab es also noch obendrauf.

Schließlich erreichten wir nach vierstündigem Anstieg den Gipfel. Die Aussicht war herrlich: derReschensee, der obere Vinschgau, die Silvretta, die Ortlergruppe, die Sesvennagruppe.

Auch das Rucksackvesper schmeckte wunderbar. Wir blieben etwa eine Stunde da oben. Dann machten wir uns an den Abstieg. Wir hatten uns mit dem Rest der Familie im Grauner Freibad verabredet. Als wir dort ankamen, erwarteten sie uns schon. Bevor es ans Erzählen ging, stürzten wir uns aber erst mal ins kühle Nass. Es war herrlich, die verschwitzten Sachen abzulegen und in Badehose zum Wasser zu gehen. Auch war das Schwimmen ein toller Ausgleich zur Bergtour.

Auf der Rückfahrt im Auto zum Urlaubsquartier dachte ich, was ich heute immer noch denke: Auch Berge, die nicht ganz 3000 Meter hoch sind, sind richtig tolle Berge und ermöglichen superschöne hochalpine Touren. Man kann von ihnen das gleiche Gefühl von Selbstbestätigung, Erfüllung und Zufriedenheit mit ins Tal bringen wie von höheren Gipfeln.

Heute sage ich: Genau dafür ist die Klopaierspitze ein Musterbeispiel. Sie bietet alles, was der Bergfreund zu seinem Glück braucht: Einen landschaftlich schönen, abwechslungsreichen Anstieg, eine herrliche Aussicht und das Glücksgefühl, das sich nach einer gelungenen Hochtour in einem breitmacht. Darum lautet der "Stempel" in meinem Kopf: "Eine Lanze für die hohen Zweitausender."

© Tom63