Hallo Welt, da bin ich wieder!

Das Jahr 2011 war sehr schwer. Eine persönliche Krise hatte mich aus der Bahn geworfen, ja umgehauen. Danach hatte ich keinerlei Antrieb mehr und wusste auch nicht, wie es mit mir überhaupt weitergehen soll. Das Fenster meines Klinikzimmers, in dem ich viele Wochen verbrachte, ließ mich auf an- und abfliegende Flugzeuge blicken. Wie oft schaute ich da wehmütig einer aufsteigenden Maschine hinterher!

Ein Jahr später kam mein Leben allmählich wieder in normale Bahnen. Auch hatte ich langsam wieder Zukunftspläne. Dann, im Juni , bekam ich einige Tage Urlaub. Sofort war mir klar: Ich möchte mal wieder wandern gehen. Meine Wahl fiel zunächst auf den Bregenzerwald. Doch wegen schlechter Wetterausichten disponierte ich um. Südtirol war nun mein neues Ziel.

Dass das die richtige Wahl war, zeigte sich bald. Ich kam zwar bei Regen im Lüsental (beim Peitlerkofel in den Dolomiten unweit von Brixen) an, aber gegen Abend verzogen sich die Wolken und gaben die Berge frei.

Am nächsten Morgen schnürte ich bei Sonnenschein die Bergstiefel. Durch schönen Wald stieg ich empor zur Lüsener Alm, einer Wiesenhochfläche mit kleinen Seen, dunkelbraunen Heustadeln und einem herrlichen Blick auf die Dolomiten sowie die Zillertaler- und Sarntaler Alpen. Enzian und Alpenrosen gab es gratis noch obendrauf.

Mein Ziel war ein Berggasthof in knapp 2000 Metern Höhe. Aber als ich da war, sah ich 250 Höhenmeter darüber den Gipfel des Astjochs so verlockend aufragen, dass mich meine Füße fast schon von selbst weitertrugen. Ich merkte: Mein alter Tatendrang, den das Krisenjahr verschüttet hatte, war nun endgültig wieder da!

Nach weiteren 45 Minuten schlug ich am Gipfelkreuz des Astjochs (2193m) an. Der Ausblick da oben lässt sich nur in Superlativen beschreiben: Unter mir lag das Pustertal von Innichen bis kurz vor Brixen. Die Sarntaler Alpen waren zu sehen, die Zillertaler und sogar die Hohen Tauern mit dem Großglockner. Aber fast noch toller war das Dolomitenpanorama: Vom Peitlerkofel bis zu den Drei Zinnen standen alle namhaften Gipfel da als seien sie extra für mich zur Parade angetreten.

Ich blickte ergriffen um mich und war sehr glücklich. Das schwere Jahr, die Verzweiflung, die Antriebslosigkeit, alles war auf einmal wie weggeblasen. Und da brachen die Worte geradezu aus mir heraus: "Hallo Welt, hallo meine lieben Berge, da bin ich wieder!" Und dann kamen mir die Freudentränen.

Nach dem Abstieg duschte ich in meiner Pension und zog mich um: frisches T- Shirt, frische Sommerhose. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass ich auf Strümpfe verzichtete. Vielmehr setzte ich mich barfuß (herrlich nach den engen Bergstiefeln) auf den Balkon, der zu meinem Zimmer gehörte. "Hallo Welt, da bin ich wieder!" schoss es mir da wieder durch den Kopf.

Später ging ich zum Abendessen. Und beim ersten Weißbier und dem Vorspeisensalat bewegte ich genüsslich die Zehen in den Sandalen und dachte einmal mehr innerlich tief bewegt: "Hallo Welt, da bin ich wieder."

© Tom63